Der alte Impfpass auf Papier…
Ingo Kahle

Angela Merkels Scheitern an der Impfkampagne. Als mächtigste Regierungschefin der EU hätte die Bundeskanzlerin für ein Programm nach US-Vorbild zur Produktion von Impfstoffen sorgen müssen. Jetzt verwaltet sie nur den Mangel. Dieses Impfdesaster könnte die Union bei der Bundestagswahl das Kanzleramt kosten. 
 

Die Corona-Pandemie: Womit haben wir es zu tun? Eine von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit einer vorläufigen Bilanz beauftragte, dreizehnköpfige Kommission internationaler Experten hat diese Pandemie das „Tschernobyl des 21. Jahrhunderts“ genannt. Das schlimmste Verdikt: „Die Situation, in der wir uns heute befinden, hätte verhindert werden können“. Welch vernichtendes Urteil über politisch und administrativ verantwortliche weltweit – angesichts von deutlich mehr als drei Millionen Menschen, die an oder mit Corona gestorben sind. Aber dieses Verdikt fällt ja zugleich auf die WHO selbst zurück, hatte sie doch – wie vermutet wird aufgrund starken chinesischen Drucks – Sars-CoV-2 viel zu spät zur weltweiten Seuche erklärt. Für das dramatische Ausmaß der Krise sei ein „toxischer Cocktail“ verantwortlich, so die Präsidentin des Gremiums, Ellen Johnson Sirleaf, bestehend aus Zaudern, fehlender Vorbereitung sowie schlechter Reaktion. Den wirtschaftlichen Schaden beziffert der Bericht auf zehn Billionen US-Dollar bis Ende 2021 und zweiundzwanzig Billionen US-Dollar bis Ende 2022.

Angela Merkels Vergleich, Corona sei die schlimmste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, bestätigen die Experten. Es sei sogar die schlimmste Depression seit den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Weltweit hätten sich im ersten Jahr der Pandemie 150 Millionen Menschen mit Sars-Cov-2 infiziert. Genannt werden übrigens auch 17.000 verstorbene Beschäftigte in den jeweiligen Gesundheitssystemen. Die Dunkelziffer der Verstorbenen liege noch  deutlich über den offiziellen Zahlen. „Historisch“ nennt die WHO-Kommission, dass in so kurzer Zeit nach Auftauchen von Sars-Cov-2 schon Impfstoffe gegen das Virus entwickelt worden seien. Corona sei eine Pandemie der sozialen Ungleichheit, weil diese Krankheit arme Menschen insgesamt, vor allem aber die Bevölkerung ärmerer Länder besonders treffe. Zu den Ländern, die am Beginn der Pandemie besonders viel falsch gemacht hätten, zählt die WHO in diesem Bericht Brasilien, Großbritannien und die USA.  

 

Der irrlichternde Trump – und die Fehler vieler Medien. 

Wie viel himmelschreienden Unsinn hat der zum Glück für die USA und die Welt abgewählte US-Präsident Donald Trump in der Corona-Pandemie erzählt! Unfassbar, dass dieser Mann allen Ernstes darüber faselte, dass sich seine Bürger vielleicht Desinfektionsmittel in die Venen spritzen lassen sollen. Zurecht haben Politiker in den meisten Ländern der Welt den Kopf über ihn geschüttelt.

Interessanterweise ist im politischen Washington nicht zuletzt durch einen Bericht des „Wall Street Journal“ die von Trump verbreitete Labor-Unfall-Hypothese erneut aufgetaucht, wonach sich die Pandemie nach einem Laborunfall im Institut für Virologie in Wuhan entwickelt habe. Sogar unter Beteiligung eines US-Forschers habe es dort so genannte „Gain-of-function“-Forschung gegeben, deren Ziel es ist, Erkenntnisse über neuartige Viren zu gewinnen, um bei deren Auftauchen außerhalb eines solchen Hochsicherheitslabors, in der realen Welt also, schnell Impfstoffe dagegen zur Verfügung zu haben. Eine Mit-Finanzierung dieser Forschung durch die USA wird von der US-Regierung jedoch bestritten.  Zwei Mitarbeiter des Wuhaner Instituts hätten im Herbst 2019 Covid-19 ähnelnde Symptome entwickelt, nachdem einige Experimente in einer zu niedrigen Sicherheitsstufe stattgefunden hätten.

Ich erwähne dies deshalb, weil der publizistische Umgang mit dieser Behauptung Trumps interessant ist. Leitmedien wie die New York Times oder die Washington Post waren schnell dabei, diese als eine rassistische Behauptung zu denunzieren. Dies verkennt jedoch, dass die Hypothese, wonach das Virus auf dem Wuhaner Tiermarkt auf den Menschen übergesprungen sei, ebensolche Züge hat, klagt man doch damitdie chinesische Kultur an, diverse Wildtiere zu verspeisen. Man darf als Journalist m.E. nicht nur in dieser Pandemie nicht von vornherein Erkenntnisse oder Hypothesen verwerfen, nur weil einem deren Urheber nicht in den politischen Kram passt. Und, wichtiger noch: Die Wahrheitsfindung ist bei diesem Thema besonders schwierig, handelt es sich bei der Virologie doch um einen sehr komplexen, speziellen Wissenschaftsbereich. Allzuoft wurde die ein tiefes Verständnis dieses Wissenschaftsbereiches erfordernde Suche nach der Wahrheit der schnellen Schlagzeile geopfert. Auch deshalb, weil viele Kolleginnen und Kollegen sich nicht die Mühe machten, diese Dinge wirklich zu verstehen und Copy and Paste natürlich immer sehr einfach und schnell ist.

Ich empfehle deshalb, zur Herkunft von Sars-CoV-2, auch zur Laborthese, sich die Folge 92 des NDR-Podcasts „Das Coronavirus update“ mit Prof. Christian Drosten anzuhören. Sein Fazit einer ausführlichen Darstellung des Wissensstandes zur Entstehung von Sars-CoV-2, auch zur Laborunfall-Hypothese, lautet, „Wir müssen uns auch mit dem Schmerz der einstweiligen Nichtbeantwortbarkeit irgendwie abfinden, ohne dabei einander verächtlich zu betrachten.“ Gemeint sind chinesische Wissenschaftler dieses Fachs, die laut Drosten im Westen hohe Ansehen genießen,. Deren Beiträge seien „vollwertige Wissenschaft“, man betrachte sie „grundsätzlicch nicht als beeinflusst“ und schaue „nicht auf chinesische Wissenschaftler herab“. Die Forschung, die er jetzt für angeraten halte, ist, ob analog zu Sars-1 das neuartige Corona-Virus möglicherweise von Marderhunden auf den Menschen übertragen worden sei. In China gebe es eine riesige, 14 Millionen Tiere umfassende Zucht dieser Tiere für die Pelzherstellung. Den möglicherweise erhobenen Vorwurf, er argumentiere pro-chinesisch weist er von vornherein zurück.

 

„Operation Warp Speed“ – Was Trump richtig machte.

Trump hat Wirres Zeug über Corona dahergeredet, sein fehlendes konsequentes Handeln gegen die Pandemie hat zehntausende Menschenleben gekostet. wenngleich man ihm nicht alle mehr als 500.000 Corona-Toten der USA anlasten kann. Donald Trump hat jedoch etwas sehr Entscheidendes richtig gemacht und ich hätte mir gewünscht, die deutsche Bundeskanzlerin und die deutsche Präsidentin der EU-Kommission wären trotz ihrer berechtigten Abneigung gegen Trump sofort seinem Beispiel gefolgt.

Schon im Mai 2020, als er Corona wohl noch für ein „Grippchen“ hielt, wie sein brasilianischer Kollege Bolsonaro noch immer, rief der US-Präsident die „Operation Warp Speed“ ins Leben. Zwanzig Milliarden Dollar für die Forschung, PRODUKTION und den Ankauf von Impfstoffen stellte seine Regierung bereit. Davon profitiert sein Nachfolger Joe Biden jetzt, der „nur“ noch für eine kluge und effektive Impfkampagne sorgen muss. Die Amerikaner tun das in einer Hemdsärmeligkeit, die ich mir im Deutschland der Bedenkenträger auch wünschte. Impfen auch in Supermärkten! In Deutschland ist es ja offensichtlich nicht einmal – wie in Frankreich – möglich, in Apotheken. impfen zu lassen. 

 

USA: Kein Mangel an Impfdosen

Nun gut, bei Trump war auch eine gehörige Portion „Impf-Nationalismus“ dabei: „America first!“ Er verfügte, dass kein Impfstoff die USA verlassen dürfe. Importieren geht aber: Aus der EU haben die USA bis Ende April 2021 nach Angaben der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen 200 Millionen Dosen Impfstoff bekommen.

„Warp Speed“ barg auch hohe finanzielle Risiken: Welcher Impfstoff würde sich durchsetzen? AstraZeneca zum Beispiel hat von der US-Regierung 1,2 Milliarden Dollar Förderung bekommen, der Impfstoff ist in den USA jedoch noch immer nicht zugelassen – und wird es wohl auch nie werden. Die USA haben nämlich angekündigt, sechzig Millionen angekaufte Dosen dieses Vakzins anderen Ländern zur Verfügung zu stellen, mithin eine Ausnahme vom Exportverbot zu machen. Das zeigt: Die USA haben keinen echten Mangel an Impfstoffen – im Gegensatz zur Europäischen Union.  

 

 EU: Risiken vermeiden, im Ergebnis Mangel. 

Die EU-Kommission hat nicht nur zu lange gebraucht, um Impfstoffe zu bestellen, weil die im Umgang mit Pharmakonzernen gänzlich unerfahrene zypriotische Gesundheitskommissarin sich im Benehmen mit ihrer Chefin sowie den Staats- und Regierungschefs um den Preis und um Haftungsfragen stritt. Dieser Kreis von Verantwortlichen hat sich offensichtlich auch keine Gedanken darüber gemacht, ob denn die Hersteller der Vakzine ihre Lieferzusagen auch werden einhalten können. Mit anderen Worten: Man hat nicht nur zu spät bestellt, sondern es auch versäumt, mit viel Geld sehr frühzeitig Produktionskapazitäten in Europa aufzubauen. Verantwortlich für dieses folgenschwere Versäumnis ist ganz klar Ursiula von der Leyen (CDU) als Präsidentin der EU-Kommission, aber auch die deutsche Bundeskanzlerin.

 

Was Merkel versäumt hat. 

Hier kommt nun auch Angela Merkel (CDU) ins Spiel: Ich will im Prinzip gar nicht in Abrede stellen, dass es eine ungeheure Marktmacht bedeutet, wenn man für 450 Millionen EU-Bürger verhandelt. Eine europäische Beschaffung und Verteilung ist politisch sinnvoll. Kein „Impfstoff-Nationalismus“ also! Aber warum um alles in der Welt hat die mächtigste Politikerin der EU in der Gemeinschaft keine „Operation Warp Speed“ initiiert und durchgesetzt? Bloß, weil ihr enger Partner in Europafragen, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron aus nationalem Interesse ausfiel, weil der französische Konzern Sanofi einen eigenen Impfstoff herstellen wollte, jedoch letztlich daran scheiterte?

 

 Das Schweigen Merkels zum Impfstoffmangel. 

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) hat kürzlich in einem Leitartikel von Eckart Lohse das beredte Schweigen Merkels beim Thema Impfstoff-Mangel und seine Ursachen beklagt. Äußerungen der Kanzlerin bei den so genannten „Impf-Gipfeln“ sind ja auch ehrlich gesagt nichts anderes als das Bemänteln des Mangels. Sie wird wissen, warum sie den Deutschen das Impf-Desaster nicht erklären will: weil sie um ihre eigene Verantwortlichkeit weiß. Statt ihrer muss Gesundheitsminister Jens Spahn, ebenfalls CDU, die vielen deutschen Impfwilligen wieder und wieder um Geduld bitten. Dies sogar, nachdem er mit den Gesundheitsministern der Bundesländer die Impf-Priorisierung in den Arztpraxen aufgehoben hatte, womit er seine Erklärungsnot den Ärzten aufhalste, die mit der ja berechtigten Ungeduld nicht nur der vielen jungen Impfwilligen konfrontiert werden. 

 

„Wiederaufbau“ und Impfstoffe: ein Milliarden-Vergleich.


 Vergessen wir nicht: Angela Merkel und Emmanuel Macron haben in der Europäischen Union binnen kürzester Frist für ein Programm in Höhe von 750 Milliarden Euro gesorgt, das die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie mildern soll. Sie haben sogar in Kauf genommen, dass sich die EU erstmals in ihrer Geschichte eigene Finanzierungsquellen erschließen darf. Dabei bleibt unklar, ob einige hoch verschuldete Länder den darin enthaltenen Darlehensanteil jemals zurückzahlen können und wie viel davon dann der deutsche Steuerzahler aufbringen muss.

Aber sei’s drum: Wer so viel Geld mobilisieren kann, soll nicht zwanzig, dreißig, vierzig Milliarden für eine „Operation Warp Speed“ aufbringen können, um durch Aufbau von europäischen Produktionskapazitäten für Corona-Impfstoffe und in der Folge für schnelles Impfen zu sorgen? Schlimme wirtschaftliche Folgen der Pandemie, die mit 750 Milliarden Euro gemildert werden sollen, wären in diesem Ausmaß womöglich erst gar nicht entstanden. Wie kurzsichtig, um nicht zu sagen kleinkariert, sind Regierungschefs in der EU, nicht zu erkennen, welche Folgen ihr Tun hat? Nur zwei Zahlen: Zum zweiten Mal in Folge in einem Quartal ist das BIP in der EU um 0,7 Prozent (IV/2020) bzw. 0,6 Prozent (I/2021) geschrumpft, was man im Deutsch der Ökonomen eine Rezession nennt.

 

 Merkel kann (nur?) Lockdown.

Merkel kann sich um Lockdowns kümmern, richtig so. Ich kritisiere nicht den Weg, Corona durch Kontaktbeschränkungen bekämpfen zu wollen. Der erwähnte WHO-Expertenbericht hat ja gerade kritisiert, dass Regierungen auf der ganzen Welt trotz Warnungen von Experten, dass eine solche Pandemie in naher Zukunft eher wahrscheinlich sei, nicht darauf vorbereitet gewesen seien und dann auch noch zu spät und zu inkonsequent gehandelt hätten.  Da bildet Deutschland keine Ausnahme. Ich erinnere an den Thüringer Ministerpräsidenten Bode Ramelow (Die Linke), der einräumte, es sei ein Fehler gewesen, Merkels Eindämmungspolitik nicht von Anfang an unterstützt zu haben. In Thüringen ist übrigens überdeutlich, dass die Inzidenzen in jenen Landkreisen außerordentlich hoch waren, in denen sowohl die LINKE als vor allem auch die AfD bei der letzten Landtagswahl ihre höchsten Wahlergebnisse erzielt hatten.

 

Merkels Versagen.

Man darf Merkel unterstellen, dass sie sich besonders in der Pandemie große Sorgen um das Land macht. ,Dass sie ihren Amtseid, Schaden vom deutschen Volk zu wenden, sehr ernst nimmt und dieser Aufgabe ihre ganze Kraft widmet. Und ja, leider scheiterte sie mit ihrem steten, zuletzt nahezu verzweifelten Ruf nach schärferen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, den ihr, der Physikerin, Wissenschaftler gewissermaßen vorformulierten,  immer wieder an Ministerpräsidenten. Aus Ignoranz oder anderen Gründen folgten sieihr oft nicht, Die stete Mahnerin erhielt so die politische Höchststrafe: Machtlosigkeit. Aber der es gibt eben nicht nur Lockdown. Kern der missratenen deutschen Anti-Corona-Politik ist das  Impfdesaster, das Thema Produktion und Beschaffung von Impfstoffen. Dies ist im politischen Handeln der Bundeskanzlerin ganz offensichtlich eine Leerstelle, als ginge sie das nichts an, Motto: „Macht ja die EU!“ Sie hat nicht frühzeitig, also schon im letzten Frühjahr, erkannt, welche Bedeutung das Thema Impfen haben wird. Das könnte die Union sogar die Macht kosten. Aber dazu später mehr.

Ausgerechnet die Populisten,,,

Das Beispiel der sich schnell wieder erholenden US-Wirtschaft zeigt, welchen Erfolg Trumps „Operation Warp Speed“ im Verbund mit einer beherzten und – soweit es geht – unkomplizierten Impfkampagne in wirtschaftlicher Hinsicht hat. Und ausgerechnet der Ober- und der Unterpopulist der westlichen Welt, Donald Trump und Brexiteer Boris Johnson, machen es der Welt vor, wie der entscheidende Weg aus der Pandemie aussehen muss – nachdem beide anfangs schwere Fehler machten, die viel zu viele Menschen das Leben gekostet haben.

 

Schützen die Regierenden ihre Bürger? 

Die bitterste Erkenntnis lautet aber: Weder die EU noch die deutsche Bundesregierung, noch die deutschen Landesregierungen konnten den Bürgern dieses Landes und der europäischen Völkerfamilie rechtzeitig einen Weg aus der Pandemie eröffnen. Das begründet ein tiefsitzendes Misstrauen, ob die staatlichen Institutionen in schweren Krisen in der Lage sind, ihre Bevölkerung ausreichend zu schützen. Das Ansehen der Europäischen Union bei den Deutschen ist auf einen Tiefpunkt gesunken.

Emmanuel Macron hat einmal vom Krieg gegen Corona gesprochen. Das Bild griff der Kabarettist Dieter Nuhr auf: Man könne den Krieg gegen Corona nicht mit gesundem Menschenverstand gewinnen, weil die meisten Menschen diesbezüglich unbewaffnet seien.

Aber im Ernst: Wir durften in Deutschland sechsundsiebzig Jahre ohne Krieg leben. Eine kriegerische Auseinandersetzung ist schon deshalb außerhalb jeder Vorstellung. Aber nach der Erfahrung dieser Krise mag ich mir so etwas erst recht nicht ausmalen. Nicht, weil zu wenig Milliarden zur Linderung der Folgen der Pandemie ausgereicht wurden, sondern weil die Zweifel daran so sehr gewachsen sind, ob unsere Verwaltungen und Regierungen in Bund , Ländern und Kommunen in der Lage sind, schwerste Krisen so zu bewältigen, dass sich die Regierten beschützt fühlen können.  Ein winziges Beispiel: Das Berliner Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf konnte nicht einmal die Zahl der Corona-Toten korrekt ans RKI weiterleiten und musste mehr als 230 Verstorbene nach geraumer Zeit nachmelden. Gerade Berliner Ämter blockieren Digitalisierung  und blieben in der Pandemie lieber beim hergebrachten Fax ans Robert-Koch-Institut (RKI).

 

Die Opposition kann es nicht besser.  

Das Entstehen einer politische Wechselstimmung, sollte sie sich aus der Corona-Politik der Bundesregierung ergeben haben, ist mir gänzlich rätselhaft. Ich bin überzeugt, eine von den Grünen geführte Bundesregierung hätte es nicht besser gemacht. Sie hätte vielleicht mehr auf eine zuweilen anmaßende Wissenschaft gehört, Stichwort Manifest der Leopoldina. Ideologische Vorbehalte gegen die Pharmaindustrie sind bei den Grünen so tief verwurzelt. dass man  in der Krise so sehr benötigten Industrieunternehmen dieser Branche nicht mit Milliarden dabei unterstützt hätte, schnell und ausreichend Impfstoff produzieren zu können.

Und: Krise administrieren? Bei den Grünen Fehlanzeige. Alle drei von dieser Partei gestellten Gesundheitsminister – Baden-Württemberg, Hessen, Brandenburg – haben sich nun wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. Die Brandenburgerin Ursula Nonnemacher wurde sogar entmachtet, indem man die Corona-Aufgaben ihres Ministeriums dem CDU-geführten Innenministerium übertrug.

Und die AfD? Wer will im Ernst dem parlamentarischen Arm der Corona-Leugner zutrauen, ausreichend Impfstoff besser beschaffen und diese Krise besser meistern zu können?
Die FDP? Die verstehen wenigstens etwas von Wirtschaft. Das ist ja ganz aus der Mode gekommen – leider.
Bleibt die LINKE. Siehe oben, Bodo Ramelows Fehler-Eingeständnis.

 

Wer zu spät kommt… 

Zurück zu Donald Trump: Als Organisator der „Operation Warp Speed“ setzte er schon im Mai 2020 einen Vier-Sterne-General ein. Sollte es also einmal irgendwelche logistischen Schwierigkeiten geben, schickt dieser eben einfach eine Militärmaschine los. Ich will damit nicht sagen, dass Generäle am besten organisieren können. Boris Johnson hat ebenfalls rechtzeitig, also schon im letzten Jahr, eine – zivile – Beauftragte für eine Impfkampagne eingesetzt. Der Erfolg ist deutlich sichtbar.

Die deutsche Bundesregierung hat erst im Februar dieses Jahres den Chef der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, Christoph Krupp, einen Vertrauten von Vizekanzler Olaf Scholz (SPD), mit der Organisation des Impfwesens beauftragt. Dieser erzählt   j e t z t  den Deutschen, Europa müsse eine eigene Impfstoffproduktion aufbauen. Donnerwetter!

 

Man darf ja wohl mal „hätte“ sagen.

Europa muss ja im Moment so klug sein, die Hälfte des in der Union produzierten Impfstoffes zu exportieren. Europa kann seine Produktion überhaupt nur mit Grundstoffen, die von außerhalb der EU importiert werden müssen, organisieren. Zum Beispiel werden die Lipide, die Fettkügelchen, in welche der mRNA-Wirkstoff eingeschlossen ist, aus Kanada importiert. Es hat wenige Monate gebraucht, um die BioNTech-Fabrik in Marburg produktionsreif zu machen. Wie viel Produktionskapazität hätte also im Rahmen einer rechtzeitig, also im letzten Frühjahr, gestarteten, europäischen „Operation Warp Speed“ in Europa aufgebaut werden können! 

Die Mutter aller Impf-Kalamitäten.

Die allermeisten politischen Corona-Probleme der letzten Monate, die Kalamitäten dieser Tage, lassen sich auf das Thema fehlende Impfstoffe zurückführen, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Will mir irgendjemand erzählen, es sei billiger, sich von Lockdown zu Lockdown zu hangeln, als der Pharmaindustrie die Produktionskapazitäten mit Milliardenbeträgen zu finanzieren, in welcher späteren Rechtsform auch immer? Nicht im Ernst! Ständig wird der Mangel an Impfstoff beklagt. Ich kann es schon nicht mehr hören: „Leider haben wir zu wenig Impfstoff!“ Das ist doch kein Naturgesetz, sondern politisches und administratives Versagen! Liebe Medien-Kolleginnen und Kollegen: Benennt es doch wieder und wieder endlich in aller Deutlichkeit, woran das liegt.

Auf dem Land werden Leute in 150 km entfernte Impfzentren geschickt, weil Ärzte am Ort in einer Woche sogar nur ein Fläschchen, sechs Dosen, erhalten haben. Wir können von Glück sagen, wenn im Oktober, November, gar erst im Dezember alle Bundesbürger, die es wollen, Kinder inklusive, auch geimpft sind und ihre vierzehntägige Wartefrist hinter sich haben, nach der sie als immunisiert gelten. Müssen Kinder, Jugendliche ab zwölf Jahren dann wirklich in Impfzentren pilgern statt den Piecks gleich in der Schule zu bekommen?  

 

Spahn: „Viel zu verzeihen.“

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat im letzten Frühjahr schon orakelt, nach dem Ende der Pandemie würden sich Politiker viel zu verzeihen haben. Na, dann fangen Sie mal bei sich selbst an, Herr Spahn. Manchmal wirre Ankündigungen, gefolgt von Zurückpfeifen durch die Kanzlerin, zuletzt mit seiner Forderung nach Priorisierung der Impfungen ab zwölf Jahren, ohne zusätzlichen Impfstoff zu haben, bzw. die dafür notwendigen Dosen an anderer Stelle abknapsen zu müssen. Spahn wohlwollend könnte man spekulieren, er wollte zusammen mit der Gesundheitsministern der Länder Fakten schaffen, um das zu erwartende Votum der STIKO zur lediglich eingeschränkten Freigabe von BioNTech ab zwölf schon vorab auszukontern.

 

Hehre Wissenschaft?

Aber auch die hehre Wissenschaft muss kritisch zurückblicken. Fatal wirkte sich die Kommunikation der Ständigen Impfkommission (STIKO) aus. Erst empfahl sie den Impfstoff von AstraZeneca nur für unter Sechzigjährige, weil der STIKO aus den klinischen Studien zu wenige Erkenntnisse über dessen Wirksamkeit bei Älteren vorlagen. Das kam aber in der Öffentlichkeit nun einmal so an, als sei das Vakzin dieses Herstellers für Ältere nicht wirksam genug. Das war leider der Anfang des Imageverlustes für diesen Impfstoff. Nun soll er nur älteren Menschen verimpft werden, die aber lieber BioNTech oder Moderna nehmen und so Jüngeren diese Impfdosen verknappen imd AstraZeneka zum Ladenhüter werden lassen. Das hat das Vakzin nicht verdient.

Haben denn die Briten einen großangelegten Menschenversuch durchgeführt? Ein Großexperiment mit unbekanntem Ausgang? Sie hatten nur unwesentlich mehr Erkenntnisse aus den klinischen Studien als unsere STIKO und haben AstraZeneca unter Inkaufnahme des Haftungsrisikos massenhaft auch an ältere Menschen verimpft. Dann fielen die Thrombose-Fälle in den Hirnvenen im Zusammenhang mit einer Impfung mit AstraZeneca auf, wohl vorwiegend bei jüngeren Frauen. Nun also AstraZeneca nur für über Sechzigjährige und in manchen Ländern wird er gar nicht mehr verwendet, z.B. in Dänemark und in den USA noch nie. Von der EMA wird das Vakzin weiter uneingeschränkt empfohlen, es ist einfach ein Kommunikations-Chaos unterschiedlichster Expertenmeinungen und -entscheidungen.

 

Impfen unter 16: Wieder dieselben STIKO-Fehler?

STIKO-Chef Thomas Mertens hat Spahns Ankündigung, junge Menschen ab zwölf Jahren sogar prioritär zu impfen, kritisiert. Es ist wie bei AstraZeneca: Wir haben zu wenig Daten. Dabei muss man erst einmal festhalten, dass es unethisch ist, so viele Kinder in klinische Studien einzuschließen, wie man es bei Impfstoff-Studien für Erwachsene tut. Die Haltung der STIKO nährt Zweifel an den sicheren mRNA-Impfstoffen und es wird hoffentlich nicht das gleiche Desaster wie mit AstraZeneca passieren.

Impfen für Kinder ist ohnehin ein sensibles Thema. Das ausschlaggebende Argument für eine solche Impfung ist m.E, nicht ihr Beitrag zur so genannten Herdenimmunität. Entscheidend ist die Gesundheit der Kinder. Prof. Christian Drosten sagte in einer seiner Podcast-Folgen, dass mit zunehmendem Impf-Fortschritt natürlich auch die Kontaktbeschränkungen weiter gelockert oder ganz aufgehoben werden müssen und sich dann die Nicht-Geimpften „unweigerlich“ infizieren würden. Sollen das etwa die Kinder sein, weil die Infektion doch angeblich immer nur milde verläuft? Sollen ausgerechnet die Kinder, unsere Zukunft, am längsten die Leidtragenden dieser Pandemie sein?

 

Schlechtes Beispiel Schweinegrippe.

Die STIKO begründet ihre Zurückhaltung ja nicht nur mit fehlenden Daten, sondern auch mit der Befürchtung, den gleichen Fehler wie beim Impfstoff gegen die Schweinegrippe zu machen. Das Vakzin „Pandemrix“ des britischen Herstellers GlaxoSmithKline (GSK) hatte besonders bei Jugendlichen zu Nebenwirkungen wie Narkolepsie, der im Volksmund so genannten Schlafkrankheit, geführt, neben anderen wie Gesichtslähmungen, Zuckungen, Gefäßentzündungen und Gehirnentzündungen. Man hatte vermutet, es könne an den Wirkverstärkern liegen. Aber interessanterweise wurden bei dem von GSK in Kanada hergestellten Vakzin Arepanrix bedeutend weniger Nebenwirkungen festgestellt. Möglicherweise gab es bei der Herstellung in Europa Verunreinigungen, ein Hinweis darauf, dass die Herstellung von Impfstoffen nicht trivial ist.

Ein Bericht der Fachzeitschrift „British Medical Journal“ deckte auf, dass der Hersteller GSK Warnzeichen über Nebenwirkungen seines Impfstoffes Pandemrix vorliegen hatte, diese aber ignoriert habe. Es musste halt schnell gehen, Millionen Menschen sollten geimpft werden. Diesen Fehler, heißt es aus der STIKO, den Impfstoff zu schnell für Jugendliche freigegeben zu haben, wolle man nicht wiederholen.

 

Experten-Kakophonie: Wem soll man glauben?

Man kann Wirrwarr an wissenschaftlichen Beurteilungen darstellen, muss ihn aber nicht verstehen. Die Seuchenschutzbehörden der USA und Kanadas lassen den Impfstoff Comirnaty von BioNTexh/Pfizer und auch die COVID-19 Vaccine von Moderna für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren zu. Mehr als zwölf Millionen Menschen dieser Altersgruppe haben bereits eine erste Dosis erhalten. Ich erinnere mich an eine Aussage von Prof. Christian Drosten in seinem NDR-Podcast: Die Wirksamkeit dieser Impfstoffe müsse man ja nicht erneut nachweisen, es ginge lediglich um Verträglichkeit und mögliche Nebenwirkungen. Nach den über zehn Millionen Impfungen für Jüngere ist außer von Impfreaktionen noch nichts über unerwünschte Nebenwirkungen bekanntgeworden. Die nordamerikanischen Behörden sind nicht dafür bekannt, leichtsinnig Menschenversuche zuzulassen, schon gar nicht bei Kindern. Dennoch äußern deutsche Kinderärzte sich deutlich skeptisch. Man wisse ja noch zu wenig. Auch die deutsche STIKO lässt sich so vernehmen, obwohl die Europäische Arzneimittelagentur dem Beispiel ihrer nordamerikanischen Schwesterorganisationen gefolgt ist, wenn auch wieder später als diese. Wer weiß, warum, aber mit dem Effekt, dass die Immunisierung dieser jungen Menschen länger dauern wird als in den USA, wo schon mehr als 40 Prozent der 345 Millionen Bürger ihre Zweitimpfung erhalten haben. Viele Briten frohlocken jedenfalls angesichts ihres rasanten Impffortschrittes gerade jetzt über ihren EU-Austritt: „Thank God, we are out!“

Bei der Frage, ob AstraZeneca für unter Sechzigjährige geeignet sei, ist der Politik der ablehnenden Empfehlung der STIKO gefolgt, obgleich die EMA das anders sieht. Jetzt, bei der Freigabe von Comirnaty für Zwölf- bis Fünfzehnjährige folgen Bund und Länder der STIKO nicht. Und das ist auch gut so. Der Impfstoff-Forscher der Charité in Berlin, Prof. Leif Erik Sander, sagte in der rbb-Abendschau, er würde seine Kinder ohne weiteres gegen Corona impfen lassen. Das Problem sei jedoch, dass nicht einmal die bislang priorisierten Gruppen durchgeimpft seien. Der Grund: Siehe oben, zu wenig Impfstoff…

 

Kinderärzte – Unverständliche Skepsis. 

Natürlich ist der Schutz der Gesundheit von Kindern ein allerhöchster Wert. Dennoch verstehe ich die Haltung mancher Pädiater nicht, ob die Lautstarken von ihnen eine Mehrheitsmeinung vertreten, ist ja offen. Bekannt ist, dass schon bei Kindern, deren Covid-Infektion und Erkrankung meist einen milden Verlauf nimmt, das Phänomen „Long-Covid“ beobachtet wird. Und nicht nur das: Infolge einer Corona-Erkrankung kann es – in seltenen Fällen – bei Kindern zum neuartigen Phänomen MIS-C (Multisystem Inflammatory Syndrome Children) kommen, auch PIMS genannt, Pädriatric inflammatory multisystem syndrome. Das ist, kurz gesagt, eine bei Kindern durch Corona hervorgerufene Multi-Organ-Entzündung. Weil diese z.B. über Bauchschmerzen klagten, hat man ihnen im Einzelfall auch schon den Blinddarm herausoperiert, obwohl der, wie sich herausstellte, völlig in Ordnung war. MIS-C ist gut behandelbar – meist jedoch auf Intensivstationen für Kinder. Wer bitte, wünscht das seinem Kind?

Deshalb sollte man schon kleine Kinder gegen Corona impfen, wenn ein entsprechender Impfstoff zur Verfügung steht, empfiehlt der Essener pädiatrische Intensivmediziner Prof. Christian Dohna-Schwake. Der Medizin-Professor David Martin wies im Interview der FAZ darauf hin, dass diese Phänomene selten seien. Ist das von Prof. Dohna-Schwake geschätzte Verhältnis von 1:1000 bis 1:5000 selten? Prof. David Martin versteigt sich dann in der FAZ zu der Antwort, dass doch alle Kinder nach einem halben Jahr wieder gesundgeworden seien. Wer will, dass sein Kind ein halbes Jahr an Long-Covid leidet und womöglich mit PIMS auf der Intensivstation landet?

Ich meine, Kinderärzte sollten Impfskepsis vermeiden helfen, statt sie zu verstärken. Zum Beispiel sollten sie lieber dazu beitragen, verbreitete, diffuse, völlig abwegige Befürchtungen von Eltern aus der Welt zu schaffen, wonach mRNA-Impfstoffe langfristig das Erbgut der Kinder verändern könnten. Zusätzlich sollten sie auch die Studie von Christian Drostens Charité-Team über die Viruslasten bei mit Sars-CoV-2 infizierten Kindern lesen. wonach diese im Grunde dieselben Viruslasten hätten wie erwachsene Infizierte.

 

Kein Impfzwang für Kinder? 

An der Haltung der Gesundheits- und Schulminister der Länder pro Impfungen für Kinder und Jugendliche sieht man, dass es ja vielleicht auch in der Pandemie nicht nur Aufgeregtheit, sondern auch Alltagsvernunft und sinnvollen Pragmatismus gibt. Sie wissen natürlich, dass eine Rückkehr zum normalen Schulalltag ohne Impfung der Mehrheit der Schülerinnen und Schüler kaum möglich sein wird. Kinderärzte beklagen, dass Corona schwere psychische Folgen bei jungen Menschen habe, wenden sich aber zugleich gegen Impfungen. Soll das Testregime, das Lüften auch im Winter, wenn Schulen aus Klimaschutzgründen überhaupt so gebaut sind, dass man Fenster öffnen kann, soll das alles so weitergehen und müssen dann womöglich im Herbst wieder ganze Schulen geschlossen werden?

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat beteuert, es werde keinen Impfzwang geben, auch keinen indirekten. Natürlich wird es letzteren in der Praxis geben, und das ist auch gut so. Stellen wir uns vor: Viele Schüler einer Klasse sind bereits durchgeimpft, müssen sich nicht mehr testen lassen und können an allen Schulaktivitäten wieder teilnehmen, Sportunterricht zum Beispiel. Masken ade! Einige Schülerinnen und Schüler sind jedoch nicht geimpft. Müssen diese dann weiterhin zur Teilnahme am Präsenzunterricht zweimal wöchentlich getestet werden, müssen weiterhin Maske tragen und dürfen nicht alles mitmachen? Wer will ihnen das zumuten? Kinderärzte?

Zu diesem Thema noch ein nicht unwichtiger Nebenaspekt unter dem Rubrum „Verwaltung des Impfstoffmangels“: Bundesländer und Kanzlerin haben Spahns Priorisierung von Impfungen für Kinder und Jugendliche gekippt. Sie hätten dafür jedoch aus dem Kontingent des Bundes für die Haus- und Betriebsärzte 6,4 Millionen Dosen zugeteilt bekommen. Diese erhalten sie jetzt nicht. 6,4 Millionen Dosen bei Haus- und Betriebsärzten weniger hätten den Mangel dort allerdings auch verschärft. Wie man sich dreht und wendet, immer dasselbe Problem.

 

Genug Impfstoff für die dritte Impfung?

Die Frage, ob und ja wann es eine dritte Impfung, einen „Booster“, geben muss, wird in der politischen Diskussion wohlweislich vermieden. In internen Sitzungen der Charité wird fest davon ausgegangen, dass das Personal bald ein weiteres Mal geimpft werden wird. Stellt sich die Halbjahresfrist nach der zweiten Impfung als notwendiger Termin für die dritte Dosis heraus, bedeutet das ja zugleich, dass die Impfung der vulnerablen Gruppen, also der Priorisierungsgruppe eins schon im Juli beginnen müsste. Ob dafür genug Impfstoff zur Verfügung steht, ist fraglich, spricht man doch schon bei der Erstimpfung davon, dass allen Bundesbürgern „bis zum Ende des Sommers ein Impfangebot“ gemacht werden solle, wobei „Angebot“ wegen des Mangels ja nicht gleichbedeutend mit „Impftermin“ ist.

Ich glaube fast nicht, dass die Befürchtung des früheren Bundesinnenministers Thomas de Maizière (CDU) zutreffen wird. Die politische und mediale Kommunikation in Sachen Impfstoff kritisierend, prophezeite er im Inforadio des rbb, bald werde man womöglich fragen, „welcher Idiot eigentlich so viel Impfstoff bestellt hat.“  

 

Entscheidet das Impfversagen die Bundestagswahl? 

Der Kanzlerkandidat der Union, der CDU-Vorsitzende Armin Laschet, ist der Auffassung, das Thema Pandemie werde letztlich die Bundestagswahl entscheiden, wie er der FAZ sagte. Nun ja, wer jetzt in einem Impfzentrum oder beim Hausarzt einen Termin buchen will, muss viel Glück haben, wenn er unter ein bis zwei Monaten Vorlauf bleibt. Sommerurlaub mit Testregime, alle drei Tage zum Test, wenn man nicht zweimal geimpft oder von Corona genesen ist: Da kommt doch endlich Urlaubsfreude auf! Selbst, wenn endlich genug Impfstoff zur Verfügung stünde, worauf der Gesundheitsminister ja nicht müde wird, geradezu verzweifelt Hoffnung zu erwecken, und auch selbst wenn die Hausärzte – theoretisch angenommen – alle ihre anderen Patienten warten ließen, um nur noch zu impfen: Das Tempo erhöhte sich, ja, auch durch die Beteiligung der Betriebsärzte, aber es änderte an meiner nüchternen Vorhersage nichts: (Erst) Weihnachten feiern wir diesmal geimpft! Ohnehin wirkt das gelegentliche Frohlocken deutscher Politiker über den ach so rasanten Impf-Fortschritt auf mich wie früher die Meldungen im DDR-Fersehen über Planerfüllung und Ernteerfolge.

 

Der Impf-Verdruss und die Bundestagswahl.

Ich mag mir nicht ausmalen, für wie viel Verdruss dies an der Wahlurne sorgen wird. Es trifft nämlich vor allem die jüngeren Menschen, die Familien mit Kindern, deren Geduld mit der Politik in dieser Pandemie zu Recht am Ende sein dürfte. Wie stoisch muss man sein, um dieses Desaster zu ertragen? Aber genau genommen: Wo ist die vernünftige Alternative, wenn Corona die Wahlentscheidung bestimmen soltel? Deshalb werden viele Wählerinnen und Wähler wohl ratlos bleiben. Oder auf andere Themen schauen.

Es reicht ja zum Beispiel, gegen Wechselgedanken das Wahlprogramm der Grünen zu lesen. Das ist wirklich eine gesellschaftliche Veränderung. Allein die Forderungen zur Asyl- und Einwanderungspolitik sind eine Einladung an Armutsmigranten vom Balkan und aus dem Maghreb. (Keine „sicheren Herkunftsländer“ mehr.) Als hätte nicht unser Nachbar Frankreich die größten Probleme mit diesen Einwanderern, die im Land für grausame extremistisch motivierte Terroranschläge verantwortlich sind.

 

Kanzlerin Annalena Baerbock? 

Eine Kanzlerin Annalena Baerbock? Wer traut ihr im Ernst zu, ohne Regierungserfahrung eine solche Pandemie besser zu administrieren, von internationalen Krisen erst recht abgesehen? Sie kann ja offensichtlich nicht einmal ihre Einkommensverhältnisse korrekt an die Bundestagsverwaltung melden. Zusammen mit rot und dunkelrot sind Grüne in Berlin eher ein abschreckendes Beispiel. Ich liebe meine Heimatstadt, sie boomt in vielerlei Hinsicht. Und sie ist ein Flop, wenn ich ein Auto anmelden oder meinen Personalausweis verlängern will. Und redet Euch nicht mit Corona ‚raus, es war vorher auch nicht anders! Die Regierungspraxis in Berlin ist auf Landes- und Bezirksebene einfach ein Graus. Ein Glück auch, dass meine Kinder nicht mehr zur Schule gehen müssen! Ich glaube, dann würde ich nach Bayern ziehen.

 

Richtungswahl – strategisch wählen?

Ich denke bundespolitisch, dass, wenn den meisten klar wird, dass es im September um eine Richtungswahl geht, viele mit der Faust in der Tasche strategisch wählen werden, oder sollten: Doch lieber eine schwarz-grün-gelbe statt einer grün-rot-roten Koalition? Im Verbieten sind die Grünen gut – aber können sie auch Krise, wenn das nicht einmal Frau Merkel so bewerkstelligt hat, dass man ihr grenzenlos vertrauen konnte? Ich bin auf den heißen Wahlkampf gespannt.

 

Das traurige Ende der Ära Merkel.

Im Wahlprogramm der Union für 2017 stand wenigstens auf Seehofers Betreiben hin, dass sich Fehler wie 2015 nicht wiederholen dürften. Wie empfindlich Merkel bei diesem Vorwurf ist, zeigt, in welcher Weise sie Annegret Kramp-Karrenbauer fallenließ, nachdem diese in der CDU eine offene, breite Diskussion über das Thema Flüchtlingspolitik initiiert hatte. Als Mutti-Lockdown genoss die Kanzlerin hohes Ansehen, Markus Söder („Team Vorsicht“) in engem Schlepptau. Dass sie die „Versagerin Impfstoff“ ist, wirft ihr die in dieser Hinsicht viel zu zahme deutsche Medienwelt leider nicht deutlich genug vor. Aber sie steht ja auch nicht mehr zur Wahl. Jedoch: Sollte die Union die Macht verlieren, das Kanzleramt, ist das das selbst verursachte traurige Ende der Ära Merkel.  Bitter nach sechzehn Jahren in einem Amt, vor dem jedenfalls ich mir weiterhin den höchsten Respket bewahren möchte. Ob Armin Laschets Trick mit der Bergmanns-Marke und der Bitte um Vertrauen. wie bei seiner Bewerbungsrede um den CDU-Vorsitz – natürlich nicht wörtlich, aber im Prinzip – noch einmal klappt?

 

Schwarz-grün: Merkel am Ziel?

Andererseits: Es könnte trotz der derzeitigen Umfragelage ja auch sein, dass das, worauf Angela Merkel als CDU-Vorsitzende beharrlich hingearbeitet hat, diesmal Realität wird: Die SPD mit ihren eigenen Waffen minimieren, manche nannten das die „Sozialdemokratisierung der CDU“, und die Union zugleich koalitionsfähig mit den Grünen machen. Denn deren Wählerschaft repräsentiert eine neue soziologische Mitte in Deutschland, eine kosmopolitische Elite, wie man bei dem Soziologen Andreas Reckwitz nachlesen kann, entstanden in einem wirklichen Strukturwandel in dieser Gesellschaft.

 

Wirtschaftlich voran, nicht ideologisch rückwärts!  

Wenn ich das Wahlprogramm der Grünen lese, komme ich zum Ergebnis, dass, wenn ein dritter im Bunde die FDP sein müsste, Christian Lindner wiederum große Schwierigkeiten hätte, seine FDP in eine schwarz-grüne Bundesregierung zu führen. Er verspricht: „Mit der FDP keine Steuererhöhungen!“ Die Grünen – wohl dann deutlich stärker als die Liberalen – fordern eine veritable Steuer- und Abgaben-Erhöhungs-Orgie, die sie in ihrem Wahlprogramm (noch) zu verschleiern wissen. Rückwärts gerichtet ist der politisch linke Trend. Dabei vergessen die Grünen, dass sie in der Regierung Schröder dem Land nicht nur durch Hartz-IV, sondern auch durch eine steuerliche Entlastung der Bundesbürger um fünfunddreißig Milliarden Euro den Weg aus einer wirtschaftlichen Krise geebnet hatten, nachdem Deutschland Ende der neunziger Jahre als „kranker Mann Europas“ gegolten hatte. Dass das auch ein wenig „Linke Tasche, rechte“ (Peer Steinbück) war, also an anderer Stelle auch höhere Belastungen entstanden waren, sei dahingestellt.  

 

Minimierte SPD. 

Sollte die SPD – diesmal als kleinster Partner in einer Bundesregierung infrage kommen, dann wird das die ideologische Linke in dieser Partei, die in der SPD das Sagen hat, wie man an der Parteispitze schmerzlich erkennen muss, schon zu verhindern wissen. Die „Regierungs-SPD“, die in der jetzigen Koalition im Bund durchaus viel durchgesetzt hat, wäre dann ohnehin nicht diskreditiert, jedoch marginalisiert.

 

Wie also wählen?

Also muss die Frage bei der Wahl lauten: Wer kann Krise, wer kann Wirtschaft und bringt dieses Land mit Vernunft wirklich voran? Dem Satz, sozial ist, was Arbeit schafft, hat sogar Franz Müntefering in meinem, seine Amtszeiten bilanzierenden Interview mit ihm zugestimmt.

Und hier noch eine letzte Bitte: Wählerinnen und Wähler, werft die AfD aus dem Deutschen Bundestag! Dieser sich immer mehr verbreitende braune Geruch schadet dem Land ungeheuerlich.

 

Impfstoff für die (dritte) Welt.

Die anfangs erwähnte WHO-Kommission hat beklagt, das die reichen Länder den überwiegenden Zeil des Impfstoffes für sich verwenden und für die ärmsten Länder nur ein Bruchteil übrig bleibt. Das ist richtig, jedoch nicht immer nur die Schuld der eichen Länder. So hat z.B. der Präsidnet eines afrikanischen Landes sich vehement geweigert, Impfstoff zu bestellen, weil der weiße Mann die Schwarzen vergiften wolle. Oder – kein armes Land – Iran: Machthaber Khamenei ht die Einfuhr von westlichen Impfstoffen verboten, mit ähnlichen Argumenten. Oppositionelle vermuten jedoch, dass die religiöse Nomenklatura und die Angehörigen ihres Machtapparates längst mit BioNTech geimpft wurden.  Oder Brasilien, kein Entwicklungsland, aber mit einem Präsidenten gestraft, der Corona noch immer ein „Grippchen“ nennt, sich weigerte, Impfstoff zu bestellen, Gegenmaßnahmen verhindert und so für eine ungeheuerliche Zahl von mehreren hunderttausend Toten verantwortlich ist..

Warum müssen Entwicklungsländer eigentlich immer von den reichen Ländern verlangen, Ihnen Dinge zur Verfügung zu stellen, welche für die Gesundheit dieser Völker entscheidend sind? Wirklich, weil alle finanziell nicht dazu in der Lage sind, Impfstoff anzukaufen? Oder weil Prioritäten in diesen Ländern anders gesetzt werden? Kein Politiker auf der Nordhalbkugel, wo die Vakzine produziert werden, könnte es sich erlauben, die Knappheit noch zu verstärken, indem Impfstoff in arme Länder exportiert wird. Das wäre fürtr die Bekämpfung dieser Pandemie zwar entscheidend. Aber es geht ja auch anders: Durch den Aufbau von Produktionskapazitäten für Impfstoffe in diesen Ländern, Südafrika ist ein Beispiel dafür.

 

Aus Europa für die Welt?

Folgt man jedoch der auch von EU-Ratspräsident Charles Michel erhobenen Forderung, reiche Länder müssten Impfstoff für arme Staaten zur Verfügung stellen, weil sonst die Pandemie nicht effektiv zu bekämpfen sei, dann fällt das ja auch auf die EU zurück: Warum hat man denn nicht einmal rechtzeitig genug Produktionskapazität aufgebaut, um die EU-Bürger schnellstmöglich immunisieren zu können, geschweige denn, um die ganze Welt mit Vakzinen zu versorgen? Damit bin ich wieder beim Beginn meiner Darstellung, beim Titel, „Das Impfstoff-Desaster“.  Einerseits: In historisch einmalig kurzer Zeit standen hochwirksame und sichere Vakzine zur Verfügung – nd mit Stolz: das weltweit erfolgreichste wurde in Deutschland entwickelt. Andererseits: Politiker, allen voran die deutsche Bundeskanzlerin, haben es nicht geschafft, daraus auch eine hostorisch beispielhafte Impfkampagne zu machen, die eben nicht vom Mangel an Impfdosen gekennzeichnet ist.Dessen Beschaffung, so äußerte sich der Vizekanzler und Kanzlerkandidat der SPD, Olaf Scholz, im Bundeskabinett und ließ seine Worte auch sogleich nach draußen dringen, sei „richtig scheiße gelaufen.“

 

Drei Hinweise: Nach Fertigstellung dieses Aufsatzes habe ich einen Gastbeitrag von DIW-Präsident Marcel Fratzscher im Spiegel zum Thema Produktion von Impfstoffen entdeckt, den ich sehr lesenswert finde, weil er meinne Thesen vom Impfstoffmangel aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht erklärt und bestätigt.

Ferner möchte ich – nicht nur zum Thema dieses Aufsatzes – das neue Buch von Robin Alexander empfehlen:
„Machtverfall“ Merkels Ende und das Drama der deutschen Politik. Ein Report. Siedler-Verlag.

 

Zur Laborunfall-Hypothese verweise ich auf die deutsche Übersetzung eines Newsweek-Artikels in einer Online-Publikation der Friedrich-Ebert-Stidtung. 

 

 

 

 

 

 

 

Der alte Impfpass auf Papier…