Text und Fotos ©️ Ingo Kahle.

„Tschüss!“ – Eine Sterbebegleitung (2): Lucy.

„Nobody knows what waits ahead
Beyond the earth and sky
I’m not afraid to die.“
Willie Nelson

 

Wenige Wochen nach der Begleitung Klaus Egerts‘ bis zu seinem letzten Atemzug liegt Lucy im Sterben, fünf Tage vor ihrem einundsechzigsten Geburtstag. Ihren sechzigsten haben wir mit ihr im Garten groß feiern dürfen. Gut sah sie aus in ihrem blauen Kleid.  Ist sie schlanker geworden? Lucy ist die zweite Frau meines besten Freundes Carl. (Drei geänderte Namen.) Ich kenne ihn seit 1964, er war damals dreizehn, ich zwölf, als unsere Eltern in das selbe, neu gebaute Berliner Mietshaus zogen. Lucy weiß seit gut acht Monaten, dass sie Darmkrebs hat. Sie weiß auch, was das bedeuten kann. Ihr Vater ist daran gestorben. Die eher naturmedizinisch orientierte, ursprünglich als Krankenschwester ausgebildete Lucy hat das offenbar für ihr eigenes Leben nicht als – ohnehin an alle Menschen gerichtete – deutliche Mahnung angesehen, frühzeitig und regelmäßig Darmspiegelungen, Koloskopien, durchführen zu lassen. Carl wird im Nachhinein der Vorwurf an sich selbst belasten, Lucy nicht einfach an die Hand genommen und zu solchen Vorsorgeuntersuchungen gewissermaßen genötigt zu haben. „Ein legitimer Vorhalt“, werde ich Carl einräumen müssen, „aber Du kannst etwas. das Du heute als Versäumnis betrachtest, jetzt nicht mehr anders entscheiden. Deshalb, bitte, damit Du gesund wirst, konzentriere Dich einzig und allein darauf, was Dir guttut“, werde ich an den trauernden Carl appellieren.

 

Dieser fürchterliche Darmkrebs! Bei dem Berliner Fotojournalisten Paul Glaser habe ich schon gesehen, wie das geendet hat. Eine Katastrophe für Lucy, ein Desaster auch für Carl. Er erkrankt sogleich an einer Depression. Eine Stütze kann er Lucy in all den Monaten nicht sein. Sie hat es doppelt schwer. Es ist noch nicht lange her, dass meine Frau und ich unsere lieben Freunde zuhause besuchen. Lucy wirkt auf uns recht gefasst, hat extra eine Quiche gebacken, serviert Kaffee auf dem Balkon, Magerer ist sie geworden. Carls Zustand, seine Körpersprache erschrecken mich. Aber von ihm will ich hier kaum erzählen.

 

Die Alarmglocken läuten!

 

Es ist Sonntag. Ich jogge wie immer in gemächlichem Tempo durch den Wald. Meine Gedanken kreisen um viele Themen. Plötzlich, wie eine Eingebung: „Ich muss Carl anrufen!“ Ungewöhnlich, denn beim Joggen telefoniere ich sonst natürlich nicht. Wie so oft ist Carl nicht zu erreichen. Er telefoniert ohnehin äußerst ungern. Lucy ruft mich manchmal an, wenn ich mich per SMS nach ihrem Befinden erkundige. Sie bedankt sich jeweils für diese Gespräche. Immer wieder ist sie für die Chemos im Krankenhaus, wo sie sich sicher fühlt, kehrt aber jeweils nach Hause zurück. Mir ist, als befehle mir jemand: „Ruf’ sie sofort an!“ Ich wähle ihre Mobilnummer. „Hallo Lucy, wo bist Du?“ Sie antwortet mit hoher Stimme, als falle ihr das Sprechen schwer:  “Ich bin im Benjamin Franklin, weil ich Atemnot habe.“ Bei mir läuten augenblicklich die Alarmglocken. Lucy hat nämlich lange Zeit versucht, Normalität auszustrahlen. Schon länger lief sie mit einer Stütze links. Sie habe sich eine Zerrung zugezogen, hat sie uns das bei unserem letzten Besuch erklärt. Ich sah sie jedoch schon bei einer frühen Begegnung links etwas hinken. Deshalb hege ich den Verdacht, der Tumor schmerze sie, weshalb sie Entlastung durch die Stütze sucht. Nun also Atemnot. Der Krebs hat Metastasen in Leber und Lunge gebildet, wird Carl nach Lucys Tod in den Arztrechnungen lesen.

 

Lucy zwischen Hoffen und Bangen.

 

Noch am selben Tag fahre ich in die Klinik. In unseren Gesprächen hat bislang die Hoffnung überwogen. Niemals habe ich meine Skepsis hinsichtlich des Verlaufs dieser Erkrankung auch nur anklingen lassen. Die letzte Computer-Tomographie,CT,  hat zwar gezeigt, dass die Chemotherapie nicht anschlägt, aber sie bekomme jetzt eine andere Chemo, in Tablettenform. „Da ist noch Hoffnung“, hat ein Arzt ihr erklärt. „Was sagen die Ärzte, wie viel Zeit geben sie Dir noch?“, stelle ich die an sich müßige Frage. „Einen Monat, vielleicht drei? Was sollen sie schon sagen?“ Ich versuche herauszufinden, ob sie den Verdacht bestätigt, den Carl ihr gegenüber geradezu vorwurfsvoll geäußert hat: dass Lucy nämlich die tödliche Gefahr dieser Erkrankung nicht wahrhaben wolle. Ich berichte ihr: „Carl habe ich kürzlich gemailt, er soll doch froh sein, wenn es so ist. Damit will sie Dich vielleicht schützen.“ Sie bekennt: „Was wäre denn gewesen, wenn ich es anders gemacht hätte?“ Vor allem für Dich selbst, denke ich im Stillen. Demnach können wir jetzt also offen über das Sterben reden. Sie hat sich vor einem halben Jahr vorsorglich im Diakonie-Hospiz-Wannsee angemeldet, zugleich aber auch bei einem Sterbehilfe-Verein in Hamburg.

 

Ein Gespräch über das Lebensende.

 

Ein Strauß für Lucy

Ein Strauß von uns für Lucy.

Ich frage Lucy: „Was ist mit der – ich nenn’s mal so – ‚Hamburger Lösung’?“  Sterbehilfe will sie nicht ausschließen. „Ich könnte das verstehen“, wage ich mich vor. „Zumal, nachdem ich das Buch von Irvin und Narilyn Yalom aus den USA gelesen habe. „Unzertrennlich – Über den Tod und das Leben.„Das Taschenbuch habe ich Carl geschickt.“ Die an Literatur sehr interessierte Lucy will mehr darüber wissen. Kurz gesagt: Marilyn emtscheidet sich für Sterbehilfe, als ihr das Leben mit Krebs (Myelom) unerträglich wird. Die beiden kennen sich seit über siebzig Jahren und beschreiben in diesem Buch im Wechsel den Leidensweg, den sie beide gehen. Sie als Patientin, er, ein bekannter Psychiater in der Trauerbegleitung,  als Ehemann, der damit fertig werden muss und auch wird, dass diese große Liebe endet. „Ein bisschen wie bei Euch, Lucy!“

 

Beim Thema Sterbehilfe äußere ich jedoch auch Bedenken. „Ist es womöglich schon zu spät? Du musst ja bei vollem Bewusstsein deutlich machen können, dass es Dein freier Wille, Deine freie Entscheidung ist zu sterben.“ Im Krankenhaus oder im Hospiz scheidet diese Möglichkeit ohnehin aus, das weiß sie. „Vielleicht kann man das in den nächsten Tagen zuhause arrangieren? Carl kann da natürlich nicht dabei sein. Das verkraftet er nicht. Aber meine Freundin reist jetzt aus Hannover an. Sie würde bei mir sein.“ (Name der Stadt geändert.)

 

 Ich werbe dennoch auch für die Hospiz-Lösung. „Dann müsste ich ja mit meinen ganzen Sachen dort hinziehen“, wendet sie ein. „Alles kein Problem. Du wirst dort liebevoll umsorgt, es ist nicht so ein Krankenhausbetrieb wie hier.“ (Womit nichts gegen Ärzte und Pflegekräfte gesagt sein soll!)  Ich verspreche ihr, mich gleich am Folgetag, dem Montag, zu erkundigen, ob ein Platz frei ist. „Ich werde wohl morgen hier auf die Palliativstation verlegt“, teilt Lucy mir überraschend mit. Jetzt liegt sie auf der Onkologie. „Warum soll ich diese Woche dort nicht noch mitnehmen?“, schließt sie vorerst die anderen, soeben erörterten Wege zu ihrem Lebensende aus. „Na klar!“ Am liebsten will sie übrigens an die frische Luft. „Mit einem Rollstuhl geht das!“ „Nein, ich will selbständig laufen. Aber ich kann mich ja kaum noch bewegen.“

 

„Wann kommt Carl?“, frage ich. „Ist er von Corona schon genesen?“ „Müsste er eigentlich. Wohl morgen.“ Ich wollte ihr eigentlich versprechen, morgen wiederzukommen. Aber Carl, schließlich ihr Ehemann, hat Vorrang. Es darf ja ohnehin immer nur ein Besucher pro Tag kommen. Erst auf der Palliativstation gilt das nicht mehr. Ich will, dass Lucy und Carl Zeit miteinander haben. Es bleibt ihnen doch nur noch so wenig davon.

 

„Nehmen Sie Abschied – heute!“

 

Aus Carls Besuch wird erst einmal nichts. Vielleicht Dienstag. Er sei noch nicht wieder vollständig negativ, erklärt er mir. Ich prüfe unterdessen die Hospiz-Lösung. Auch kurzfristig sei das nicht ausgeschlossen, erfahre ich in Wannsee. Sie stehe schon länger auf der Warteliste und die Fluktuation sei im Moment sehr hoch, höher als in den letzten Jahren, wird mir berichtet. Ich simse Lucy, dass ich sie eigentlich besuchen wolle, mich aber um meine Frau kümmern müsse, die plötzlich erkrankt ist. Zum Glück nicht schwer, jedoch sehr schmerzhaft. Ich begleite sie mehrfach zu Ärzten. „Aber morgen komme ich auf jeden Fall, Simse mir doch bitte, wo Du dann liegst.“ Keine Reaktion. Meinen Anruf nimmt sie nicht an. Ich ahne Schlimmes.

 

Und richtig. Am nächsten Tag, Mittwoch, ich begleite meine Frau erneut zum Arzt, kommt ein Anruf von Lucys Nichte. Eine Schwester der Palliativstation im Benjamin Franklin habe angerufen. Wenn wir Abschied nehmen wollen, sollten wir das heute tun. „Sie hat sich auf den Weg gemacht“, wird mir eine Stationsschwester später sagen. Ich lasse mich testen und fahre in die Charité, Campus Benjamin Frabklin, wie das Krankenhaus offiziell heißt.

 

Letzte Stunden mit Lucy.

 

Lucys Schwester und die Nichte treffe ich auf dem Flur, zwei Freundinnen sind schon bei Lucy im Zimmer. Ich setze mich sofort zu ihr aufs Bett, nehme ihre Hand. „Ingo?“, fragt sie mit weit geöffneten Augen, als erkenne sie mich nicht. „Ja, Lucy, ich bin auch hier.“ Überwiegend wirkt sie, wenn auch unruhig, schlafend. Sie atmet so, als reiche ihr der Sauerstoff, der ihr in die Nase „geblasen“ wird, nicht aus. Die Atemnot hat sich seit Sonntag verstärkt, wenngleich es noch keine Schnappatmung ist. „Hab’ keine Sorge, Du wirst nicht ersticken“, habe ich schon am Sonntag versucht, sie zu beruhigen.

 

Lucy schwitzt stark. Ein Ventilator neben dem Bett verschafft ihr etwas Kühlung. Fortwährend entblößt sie ihren Oberkörper, schiebt das Krankenhemd nach unten. Zu warm. Aus Scham ziehe ich es jeweils wieder etwas hoch. Hin und wieder möchte sie aufgerichtet werden. Wir halten sie einige Momente im Sitzen, bis wir sie wieder hinlegen. Offenbar weiß sie nicht, wie sie liegen soll. Ich wende mich an die diensthabende Schwester, die jederzeit geduldig und hilfreich ins Zimmer kommt. Danke! „Sie hat das Gefühl, es dränge Stuhlgang und spricht von Klistier.“ „Das war heute schon alles normal. Es ist der Tumor, der in der linken Bauchhälfte drückt,“ erläutert sie. „Und die Aszites, der Bauch ist ganz kugelrund und fest“, ergänze ich. „Ja.“ Gemeinsam legen wir sie mit Hilfe eines Kissens etwas auf ihre linke Seite.

 

Lucy verlangt nach Wasser, ihre Freundin reicht ihr einen Becher mit Strohhalm. Meist saugt sie jedoch die kleinen Schwämmchen am Stiel aus, die man in Flüssigkeit taucht und Sterbenden reicht, um Lippen und Mund zu befeuchten. Die Schwester streicht ihr eine Creme in den Mund, damit dieser nicht austrocknet. Des Öfteren versuchen wir Besucher, die wir nicht mit der elektrischen Bett-Technik vertrauten sind, Lucy in eine andere Lage zu bringen, weil wir sie so verstehen, das das ihr Wunsch ist. Im Stillen denke ich: „Wie schnell das jetzt gegangen ist mit Lucy!“ Vor drei Tagen konnten wir noch fast normal miteinander reden.

 

Lucy sagt „Tschüss!“

 

Lucy spricht manchmal noch wenige Worte mit uns, bruchstückhaft. Sie weiß,natürlich, dass sie im Sterben liegt. Plötzlich, ich sitze gerade wieder auf ihrem Bett, halte und streichle ihre Hand, rede leise beruhigend auf sie ein, plötzlich bricht es geradezu eruptiv aus ihr heraus: „Woll’n wir mal Tschüss sagen?!“ Spontan umarme ich sie, sage ihr, dass meine Frau gern mitgekommen wäre, aber wegen ihrer Erkrankung nicht hier sein kann. Stirn an Stirn flüstere ich ihr zu: „Tschüss, Lucy. Tschüss!“ Mehr Worte braucht es jetzt nicht. Sie fehlen mir ohnehin gerade. Ich weine fast. Unsere Blicke treffen sich ein letztes Mal. Ich bin so überwältigt von diesem hochemotionalen, geradezu intimen Moment, dass ich nicht einmal erinnere, ob sie auf mein „Tschüss!“ etwas entgegnet hat. Wahrscheinlich hat der Blick alles gesagt. „Danke!“ könnte er bedeutet haben. Ein derartiger Augenblick stünde Carl zu, mir eigentlich nicht, denke ich später. Aber in dem Moment hat einfach mein Herz gesprochen. Diese Geste war die letzte Möglichkeit, ihr unsere Sympathie und Wertschätzung zu zeigen. Nacheinander nehmen Freundinnen, Lucys Schwester und Nichte, jede auf ihre Weise, Abschied von Lucy.

 

Schlösser der Liebe. Gesehen in Neuruppin.

Das Ende einer Liebe

 

„Ich kann mir keine Minute meines Lebens ohne Lucy vorstellen“, hat Carl mir, sich ständig wiederholend, versichert. Dass diese Liebe nun nicht mehr gemeinsam gelebt werden kann, ist Carl schon vom Moment der Diagnose an unbegreiflich und hat ihn erkranken lassen. Irgendjemand hat ihn an diesem Nachmittag jedenfalls telefonisch erreicht. In einer Stunde wolle er hier sein. Er sieht gebrochen aus. „Ich habe letzte Woche drei Tage lang 40° Fieber gehabt“, erzählt er mir. „Aber jetzt hast Du ja keines mehr. Corona ist überwunden, sonst dürftest Du ja hier nicht rein. Wie schön, dass Du gekommen bist. Das tut Lucy sicher gut und auch für Dich ist es wichtig, Abschied von Lucy zu nehmen, Hier und jetzt. Glaube mir!“ Die beiden sollen jetzt ungestört bleiben, denke ich. Wir anderen Besucher verlassen das Krankenzimmer. Später nehme ich Carl das Versprechen ab, dass er bei Lucy bleiben werde. Seine Frau liegt im Sterben und diese letzten Stunden einer Liebe sind für sein Weiterleben von großer Bedeutung. Manchmal heißt es, in einer Liebe gibt einer immer mehr. Jetzt,wird Carl auf sich gestellt sein.

 

Ruhe finden, friedlich einschlafen.

 

Zwei Freundinnen und ich ziehen uns zurück, nicht ohne uns noch einmal von Lucy zu verabschieden. Sie soll ihre Ruhe haben. Ich erkläre ihr das auch so, nicht wissend, ob sie mich noch wahrnimmt. Sie atmet weiter angestrengt, aber regelmäßig. Am nächsten Tag werde ich erfahren, dass Lucys Schwester und Nichte Carl ein Taxi besorgt haben. Auch diese beiden verlassen wenig später die Klinik. Tags darauf kommen mir Zweifel. Hätte ich als ausgebildeter Sterbehegleiter bleiben sollen? Ich frage schließlich ein paar Tage später den führenden Palliativmediziner Professor Gian Domenico Borasio* von der Universität Lausanne, wie lange sterbende Menschen jene, die sie auf diesem Weg begleiten, noch wahrnehmen, selbst wenn keinerlei Reaktionen mehr zu erkennen oder zu erfühlen sind. „Das ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich“, antwortet er mir in einer E-Mail. „Manche sind bis zum Schluss wach, die meisten nicht, nehmen aber trotzdem wahr. Wir verhalten uns immer so, als ob der Sterbende alles wahrnehmen und verstehen könnte.“ Prof. Borasios letzten Satz projiziere ich einfach auf Lucy: „Und manche Menschen müssen allein sein, um sterben zu können.“ Durch diesen Trick meines Verstandes schwinden meine Zweifel.**

 

Wir haben natürlich alle die Hoffnung, nein, wir fühlen uns sicher, dass Lucy diese  Stunden mit uns gutgetan haben. Viele Menschen wünschen sich zutiefst, im Kreise ihrer Lieben sterben zu dürfen. Und zugleich – siehe Prof. Borasios letzten zitierten Satz – sterben manche Menschen genau dann, wenn diese Lieben gerade nicht im Raum sind. Sicher: Im Sterben verlassen den Menschen nun einmal alle Kräfte. Der Tag mag Lucy sehr angestrengt haben, weshalb wir Lucy wünschen, dass sie nunmehr in aller Stille friedlich von uns gehen kann. Vielleicht ist es ja auch ihr Wille, den sie nicht mehr äußern kann. Wir können es nur noch vermuten. Es müsste jetzt ja auch Stille einkehren auf dem Campus, wo tagsüber die Rettungshubschrauber bei Start und Landung einen ohrenbetäubenden Lärm verbreiten. Aus der näheren Umgebung ist Live-Musik leise zu hören. Schmerzen hat Lucy nicht, wie sie mir in diesen Stunden versichert hat. Später an diesem Abend im Juli findet Lucy ihre ewige Ruhe.

„Look for the girl with the sun in her eyes
And she’s gone
Lucy in the sky with diamonds.“
The Beatles

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*Mein Gespräch mit Prof. Gian Domenico Borasio über sein  Buch „selbst bestimmt sterben“ finden Sie als Podcast auf meiner Seite Ehrenamt.

 

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**Nachbemerkung,

Ich will nicht Schriftsteller der Hospizbewegung werden und schon gar nicht will ich gar Sensationslust befriedigen. Es geht mir darum, anderen ehrenamtlichen Hospizhelfern nützliche Erfahrungen zur Verfügung zu stellen. Die hier geschilderten Fragen und Zweifel werden immer wieder auftauchen. Das ist mir spä#testens 14 Tage nach der Begleitung Lucys klargeworden. Ich werde vom Ambulanten Hospizdienst des Diakonie-Hospizes Wannsee gebeten, in einem Pflegeheim ganz in meiner Nähe einen 96 Jahre alten Mann zu besuchen. Er sei einsam, wolle sterben, wünsche sich eine Begleitung durch einen Ehrenamtlichen. Am ersten Besuchstag ist kaum noch sprachliche Verständigung möglich. Ich kann seine Lippenbewegungen und Laute nicht deuten.

 Einen Tag später entscheide ich mich, eine Sitzwache zu halten.Seine Pupillen zeigen keine Bewegung mehr, der Mund steht offen.  Ich spreche zu ihm, sehr laut, denn er hört schwer. Ich nehme seine Hand, streichle über den Unterarm, sage ihm, dass ich einfach für ihn da sei. Er nimmt mich wahr. Auf meine Frage, die ich ihm nach etwa drei Stunden stelle, ob er lieber allein sein wolle, ernte ich ein angedeutetes Kopfschütteln. Er weist erkennbar eine Cheyne-Stoles-Atmung auf. Atenstillstände zwischen 10 und 20 Sekunden, bei denen ich mich jedes Mal frage, ob der Atem jetzt wohl ganz aussetzen wird, wechseln mit geradezu kräftigen Atemphasen.  Vor allem aber ist er jetzt sehr unruhig. Ständig versucht er, sich an dem Triangel über seinem Bett hochzuziehen, was ihm nicht mehr gelingn kann. Schafft er es nicht, das Teil zu greifen, lässt er die Arme –  ich meine: enttäuscht – wieder fallen. Er deckt sich auf, will mal auf diese, mal auf jene Seite gedreht werden, was ich mit Hilfe eines kleinen Kissens ermögliche. Ich versuche fortwährend, mit Worten und Berührungen beruhigend zu wirken. Vergeblich.

Nach vier Stunden entscheide ich mich aber dennoch zu gehen. Ich erkläre ihm das auch und bedanke mich, ihn kennenlernen zu dürfen. „Wenn wir uns früher begegnet wären, hätten Sie sicher sehr spannend aus Ihrem so langen Leben berichten können!“ Ich bilde mir ein, er habe mit dem Kopf leicht genickt. „Vielleicht darf ich Sie ja morgen wiedersehen. Ich komme auf jeden Fall!“ Das Versprechen, er müsse nicht allein sterben, kann ich ihm nicht geben. Man kann eben auch nur leisten, was in seinen Kräften und zeitlichen Möglichkeiten liegt. Und ich meine, ich muss dieses Versprechen ja auch nicht jedes Mal abgeben. In diesem Fall richtet es der Verlauf der Dinge so ein, als hätte ich es gegeben.

Am Folgetag erkundige ich mich im Wohnbereich nach dem Befinden des Hochbetagten. Er mache sich auf den Weg, Ich fahre hin, lasse mich testen, treffe seine SAPV-Schwester und wir stellen übereinstimmend fest, dass er schon deutliche Anzeichen für das bevorstehende Ende zeigt. Die SAPV-Schwester verabschiedet sich von ihm mit sehr herzlichen Worten. Kurz darauf erscheint die diensthabende Schwester des Wohnbereichs, die ich am Vortag schon kennengelernt habe. Auch sie findet sehr von Herzen kommende Worte des Abschieds. Er atmet deutlich, fast zu kräftig, jedoch regelmäßig. Auch ich finde letzte Worte, sage ihm, dass er nun, da ihn zwei Menschen begleiten, also seinem Wunsch entsprochen wird, nicht allein sterben zu müssen, sich ganz in Ruhe auf diesen letzten Weg machen könne. Mein Gefühl ist, wir geben diesem Menschen Sicherheit in diesem Sterbeprozess, Und er habe sich angestrengt, zu erreichen, nicht allein gehen zu müssen. Plötzlich werden die Atemzüge seltener, die Schwester nimmt die eine Hand,  icb seine andere.  Kurz darauf versiegt sein Atem, zwanzig Minuten nach meinem Eintreffen im Zimmer. Stille.

Ich denke, man kann als Sterbebegleiter sich vielleicht das Ziel setzen, Menschen buchstäblich bis zum letzten Atemzug zu begleiten, sollte dann aber auch nicht damit hadern, wenn man diesen Wunsch sterbender Menschen nicht erfüllen kann, aus welchen Gründen auch immer. Wäre der Herr in diesem Pflegeheim am Abend oder in der Nacht nach meiner Sitzwache gestorben, hätte ich ihm in jedem Fall auch gutgetan. So wie Lucy.  Ein Geschenk für beide, aber auch eines für mich.