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„Zwölfzweiundzwanzig – Zu Gast bei Ingo Kahle“

Hier wird nicht drauflos gequasselt wie in vielen Podcasts, hier wird erst gedacht und dann geredet. 10 Jahre „Zwölfzweiundzwahzig“ – von 2006 bis 2016. Das sind 385 Sendungen von knapp 40 Minuten. Hier eine Auswahl von Gesprächen, die die Zeitläufte überdauern, ja heute sogar aktueller denn je sein können. Politisches Denken, Porträts, Themen aus dem Leben, Politik-Geschichte, Integration von Migranten, SED-Staat, Deutsche Einheit – ein breites Spektrum, eine Auswahl aus den 385 Sendungen, die mir schwerfiel. Meine Themen waren oft zeitbezogen, sind heute nicht merhr aktuell. Deshalb kann die Themenauswahl hier etwas über den Charakter von „Zwölfzweiundzwanzig“ als vorwiegend politische Sendung täuschen. Aber die Interviews sie sind typisch: Umfangreich vorbereitet, präzise auf den Punkt gefragt, geführt in meiner von Hörerinnen und Hörern, aber auch von den Gesprächspartnern geschätzten Art, auch wenn es kritisch wurde.

Mehr über "Zwölfzweiundzwanzig"

„Zwölfzweiundzwanzig – Zu Gast bei Ingo Kahle“…

…war in meiner Zeit als dafür verantwortlicher Redakteur und Moderator – 2006 – 2016 – die erfolgreichste Einzelsendung im rbb-Inforadio, dem Nachrichtenradio des rbb, welches 1995 gegründet worden war. Der Sendeplatz am Sonnabend um 12 Uhr 22 bis zu den nächsten Nachrichten um 13.00 Uhr, nicht unterbrochen durch die Nachrichten um xx.40, wie ansonsten in dem Sendeschema des Inforadios üblich, der Sendeplöatz erwies sich als Glücksgriff für ein solches Vorhaben.

„Zwölfzweiundzwanzig war aber auch eine Herausforderung für einen einzelnen Journalisten – knapp 40 Minuten lange Interviews meist mit nur einem Gast aus Politik und Gesellschaft. Es war aber auch eine Chance, die ich nutzen durfte, um gewissermaßen eine Marke mit besonderen journalistischen Maßstäben zu setzen.Das haben Hörerinnen und Hörer in Berlin und Brandenburg außerordentlich geschätzt, nicht nur zahlenmäßig, sondern auch durch sehr  positive Zuschriften, die zeigten, dass sie sehr genau zugehört hatten.

Die Gesprächspartner schätzten meine Gesprächsführung übrigens ebenso. Wenn es um Bücher ging, merkten sie sehr schnell, dass ich nicht nur ein paar Seiten gelesen hatte, wie leider im Journalismus vielfach üblich, Dadurch waren sie ebenso herausgefordert wie ich. Der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber hat mir nach einem Gespräch einmal gesagt: „Sie haben mich so präzise gefragt, dass ich nicht ausweichen konnte.“

Ich hatte volle Freiheiten. Das war ein Privileg in hierarchisch aufgebauten Anstalten. Die Freiheit hatte eine Ausnahme: Thilo Sarrazin wurde auf Geheiß des Chefredakteurs Christoph Singelnstein vom Chefredakteur des Inforadios, David Biesinger, ausgeladen. Ich als Einladender hatte mich geweigert, dies zu tun. Für Sarrazins drittes Buch – „Der neue Tugendterror“ – gab es in der ARD offensichtlich einen Bann. Auch bei Sandra Maischberger wurde er z.B. wieder ausgeladen.

 

Die Auswahl, die Sie hier hören können, verändere ich von Zeit zu Zeit etwas. Es lohnt sich also, hier immer mal wieder hereinzuschauen.

 

 


Gastgeber 2006 – 2016 – 285 Sendungen.

Die Erfolgreichste: Der Gender-Rebell

Prof. Ulrich Kutschera, Uni Kassel, „Gender Mainstreaming“. Die wissenschaftliche Evidenz von Kutscheras Aussagen ist in seinem Buch  „Das Gender Paradoxon“ ausführlich nachzulesen. Im Kern geht es beim teils heftigen öffentlichen Streit um diese Sendung um die wissenschaftliche Reputation der s.g. „Gender Studies“ (über 200 Professuren) und deren nicht nur universitäre politische Wirksamkeit – versus Evolutionsbiologie, eine exakte Wissenschaft, vertreten u.a. durch Prof. Ulrich Kutschera. Er bekam wegen dieses Interviews – Abschrift hier – eine Menge Ärger. Mich erschreckt dieses Diskurs-Klima. Deshalb schrieb ich den ausführlichen Aufsatz in meinem Blog!

Gender-Tabu im rbb

Gern hätte ich. ein gutes halbes Jahr nach dem Gespräch mit Prof. Kutschera, gar nicht in erster Linie über „Gender Mainstreaming“, sondern über sein spannendes, m.E. sehr viele neue Erkenntnisse lieferndes Buch „Adams Apfel und Evas Erbe“ mit dem Evolutionsbiologen Prof. Axel Meyer, Universität Konstanz in „Zwölfzweiundzwanzig“ gesprochen. Das wurde mir im rbb nicht gestattet. Auch dies meine ich, wenn ich schreibe, dass mich das Diskurs-Klima, die engen „Grenzen des Sagbaren“ (Andreas Rödder)  nicht nur beim Thema „Gender Mainstreaming“ erschrecken. Es wird offenbar zu einem Problem, wenn man über hochinteressante Ergebnisse der exakten Wissenschaft der Genforschung im Radio reden will, weil es diesen widersprechende theoretische Konstrukte gibt, denen ebenfalls und möglichst an derselben Stelle Raum zur Darstellung gegeben werden solle, wobei jedoch von den Autorinnen einer Programmbeschwerde beim rbb eine direkte Konfrontation z.B. mit Axel Meyer im Rahmen eines öffentlichen Forums abgelehnt wurde. Ein Bericht mit O-Tönen, wie er in der Programmbeschwerde lobend hervorgehoben wird,  unterscheidet sich grundsätzlich von einem ausführlichen Interview oder einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung  die aufgezeichnet und gesendet wird. Ich nenne das Zensur. Allerdings sehe ich mich in der ARD in einer Minderheit, die so denkt. Die Youtube-Kanäle der ARD sind voll von Gender-Unsinn.

Ein Gespräch mit Prof. Axel Meyer können Sie dennoch hören: Zusammen mit der Schriftstellerin Thea Dorn war er Gast in einer von mir moderierten „Tafelrunde“ in Sanssouci, Potsdam. Der Mitschnitt des rbb-kulturradios, heute rbb-kultur, steht hier__

In dem Beitrag in meinem Blog zum Streit über das Gender-Thema gehe ich ausführlich auf den Streit  zwischen „Gender Studies“ und Evolutionsbiologen, der sich zu einem Kulturkampf um das Sagbare entwickelte, ein und entfalte an diesem Thema eine große gesellschaftspolitische Betrachtung.

Prof. Ulrich Kutschera, Foto: privat

Flüchtlingskrise (1): Nüchterne Fakten.

Gunnar Heinsohn, Professor emeritus Universität Bremen, (u.a.Söhne und Weltmacht“), leitete dort das einzig bekannte Institut für Völkermordforschung,  lehrt noch am NATO-Defense-College in Rom. Un-ideologisch, sachlich, grundlegend – und deshalb von so vielen gern gehört: Nüchterne Fakten über Flüchtlingsströme, p.c.: „Flüchtlingszuzug“ (siehe mein Blog-Beitrag), vulgo: „Völkerwanderung“.Dies war die zweiterfolgreichste Sendung in „Zwölfzweiundzwanzig“.

Über Gunnar Heinsohn

Weiterführende Links zu Gunnar Heinsohn:
https://www.achgut.com/autor/heinsohn
https://de.wikipedia.org/wiki/Gunnar_Heinsohn

Mt Gunnar Heinsohn habe ich, zusammen mit der früheren Ausländerbeauftragten des Senats von Berlin, Barbara John, auf dem Podium einer „Tafelrunde“ in Potsdam über Flüchtlingspolitik diskutiert. Einen Mitschnnitt finden Sie in der Mediathek des Brandenburgischen Literaturbüros.

Interessant auch dieser Beitrag von Gunnar Heinsihn vom 18. April 2018: „Die ungeschminkte Wahrheit von Gunnar Heinsohn: Die Guten bekommen die Besten.“ 

© Foto: Gunnar Heinsohn, privat.

Flüchtlingskrise (2): Der Zögerliche

Thomas de Maizière. CDU, 2016. Ich fragte den Bundesinnenminister: Woher nimmt Deutschland die Hybris, dass es diesmal mit der Integration besser klappt als bisher? Seine Antwort: „Das ist eine gute Frage. Die hat mir so noch niemand gestellt.“ Eben. Die mindestens ebenso entscheidende Frage ist: Hat der Innenminister Thomas de Maizière die Sicherheit Deutschlands gefährdet?

"TdM" und die Kanzlerin

In seinem Buch „Regieren“schreibt Thomas de Maizière, in der Flüchtlingskrise auch auf den Hilferuf bayerischer Landräte hin gehandelt zu haben. Es gab solche Rufe, zweifellos. Wichtiger ist aber: Warum hat er – was in seine Kompetenz als Bundesinnenminister lag – den vom Präsidenten der Bundespolizei, Dieter Romann, gefertigten, 36-seitigen Einsatzbefehl zur Schließung der bayerischen Grenzen nach Österreich nicht unterschrieben? Ich beziehe mich damit auf das Buch von Robin Alexander, „Die Getriebenen“Weil die Kanzlern es ausdrücklich nicht  wollte? Oder weil er deren unausgesprochenem Willen, es nicht zu tun, folgte – gekleidet in die Frage, ob er böse  Bilder an der Grenze vermeiden könne, was er verneinen musste.

Hat er den Preis der Gefährdung der Sicherheit dieses Landes in Kauf genommen, von den milliardenschweren Folgen dieser Entscheidung – 2015 -2020 mindestens 100 Mrd. Euro – ganz abgesehen? Klar dürfte sein, dass sie ihn entlassen hätte, wenn er gegen ihren Willen gehandelt hätte. Diese Frage stand schon einmal im Raum, als Merkel de Maizière gefragt haben soll, ob er noch hinter ihrer Politik stehe. Hätte er verneint, hätte das seine Entlassung als Minister zur Folge gehabt. Damals ging es um den s.g. „subsidiären“ Schutz von Flüchtlingen. Ich habe Thomas de Maizière z.B. bei einer Podiumsdiskussion der Hanns-Martin-Schleyer-Stiftung (2017) erlebt, wo er barsch und emotional auf den einleitenden Vortrag von Prof. Andreas Rödder, Uni Mainz, reagierte, dessen Thesen aber letztlich bestätigte: Dass sich in dieser Frage drei Ebenen des Rechts überlagern: Deutsches Asylrecht, Genfer Flüchtlingskonvention und Europäisches Recht (Dublin III). Meine These ist, dass diese Frage, ob er durch seine Entscheidung 2015, die Grenzen nicht zu schließen, die Sicherheit des Landes gefährdet hat, die entscheidende ist, die ihn umtreibt. Dieser Vorwurf berührt sein SelbstAber das ist nur eine These

Aufzeichnung eines Interviews,
2012 im BmVg. Footo: Kahle

Die Nr. 3: Der „Fassadenrebell“

Konrad Fischer, Architekt. Zweimal hohes (!) Hörerinteresse: Sinn und Unsinn der Häuserdämmung mit dem auch „Fassadenrebell“ genannten Architekten. Seine Website mit vielen wertvollen Informationen zum Thema ist auch nach seinem Tod im Oktober 2018 (kurz vor seinem 63. Geburtstag) online geblieben. Hausbesitzer, Mieter: Unbedingt anhören! Der wahrhaft mächtigen Dämmstoffindustrie gelang es nie, ihn zu widerlegen. Dies war meine letzte „Zwölfzweiundzwanzig“-Sendung,

Dämmen: wichtige Informationen

Konrad Fischer hat dieses Gespräch auf YouTube gestellt. Nach seinem Tod im Oktober 2018 hat es die Wirkung eines Vermächtnisses dieses mutigen Mannes, der sich mit der gesamten, wahrhaft mächtigen Dämmstoffindustrie anlegte. Schon unser erstes Interview, 2014, stellte er als Video auf YouTube

Für alle Hausbesitzer, Vermieter und Mieter: Der entscheidende Satz in einer von der Dämmstoffindustrie in Auftrag gegebenen Studie lautet auf Seite 134: „Zusammenfassen kann festgestellt werden, dass energetische Maßnahmen unter wirtschaftlichen Bedingungen nur innerhalb der regulären Instandhaltungszyklen wirtschaftlich realisiert werden können. (Das sind etwa 40 Jahre und niemals die vom Bundesgerichtshof BGH für die Kalkulation von Wirtschaftlichkeit festgesetzten 10 Jahre. Anmerkung Ingo Kahle) Bei einer Berechnung der Rentabilität sind wenn möglich und abgrenzbar, nur die energiebedingten Mehrkosten in Ansatz zu bringen. Trotzdem sind förderpolitische Maßnahmen unabdingbar, um in der Breite energetische Maßnahmen finanzierbar und wirtschaftlich rentabel umsetzbar zu machen.“ (FIW-Meta-Studie 2013: fiw-münchen.de Forschungsinstitut für Wärmeschutz e.V. Vereinsmitglied: geea Allianz für Gebäude-Energie-Effizienz. Dem wiederum gehörte seinerzeit der Gesamtverband der Dämmstoffindustrie an.Der GDI propagierte auf seiner Homepage die FIW-Studie. Man muss sich übrigens vorstellen, dass auf inzwischen wohl 100 Millionen Quadratmetern deutscher Hausfassaden Dämmstoffe, überwiegend Styropor, verbaut wurden. Sondermüll!

In memoriam Konrad Fischer

Das Politische (1): Grenzen des Sagbaren

Prof. Andreas Rödder, Universität Mainz. Ich wollte meine Interviewpartner immer durch eine hohe Gesprächsqualität beeindrucken, um sie zu qualitativ hoher  Argumentation zu führen. Das halte ich hier für sehr gelungen. Inhaltlich: Rödder beruhigt. „Die Welt ist nicht aus den Fugen geraten.“ Denn: „Früher war auch nicht besser.“ Rödder ist also kein resignierter Konservativer. Der Zeithistoriker (Buch: „21.0 Eine kurze Geschichte der Gegenwart“) redet sehr spannend über die „Grenzen des Sagbaren“, über vorherrschende politische Denkmuster unserer Zeit und erläutert, warum das Jahr 1973 für deren Entstehung so wichtig war.

Meine Arbeitsweise

Ich kann es nicht oft genug betonen: Interviewpartner merken, ob man ihr Buch ganz gelesen oder nur mal eben ins Vorwort und ins Schlusskapitel geschaut hat. Entsprechend als Larifari kommen ja viele Interviews daher. Ich bin manchmal von Kolleginnen und Kollegen geradezu belächelt worden, wenn ich davon sprach, wie aufwändig es sei, diese Sendung so zu machen. Diese Gesprächsqualität kommt jedoch nicht von ungefähr. Die muss man sich hart erarbeiten.

In Fernsehtalkshows gibt es für jeden Gast einen „Scout“, der die wichtigsten Äußerungenn und Quellen zum jeweiligen Gast zusammenstellt. Ob das dazu führt, das die Moderatorinnen und Moderatoren in die tiefen Zusammenhänge eines Themas eindringen oder Opfer des Konstruktionsprinzips dieser Sendungen werden – der gegen den, gegen jenen – mag ich pauschal nicht beantworten. Um ehrlich zu sein: Ich sehe Talkshows nicht gern. Sie sind mir viel zu oft viel zu oberflächlich.

Foto: Bert Bostelmann, Uni Mainz

Das Politische (2): Llinks, rechts, egal

Prof. Armin Nassehi, Soziologe. LMU München.  Kratzen an Denkmustern war mir stets ein intellektuelles Vergnügen! Was ist heute noch politisch links, was rechts? In seinem Buch „Die letzte Stunde der Wahrheit“ plädiert Nassehi für politische Diskurse „abseits absoluter politischer Wahrheiten“. Mein Opening-Prinzip: Für eine gute Gesprächsatmosphäre erst einmal mit Persönlichem beginnen. Hier: Nassehi hat eine „streng katholische“ deutsche Mutter und einen persischen Vater. Ich fragte also auf Persisch (Farsi): „Wie geht es Ihnen?“ Besser konnte es nicht klappen.

Foto: Hans-Günther Kaufmann,
LMU München

Das Politische (3): Welche Länder überleben?

Prof. Wolfgang Lutz, Demograph, iiasa Wien in Zusammenarbeit mit Dr. Reiner Klingholz, (Berlin-Institut) über die Demographie der Welt. Der Bildungserfolg des Westens und der Bildungsrückstand als Ursache von Armut, Überbevölkerung, Flucht und Migration in Afrika und der arabischen Welt. Diese läge in dieser Hinsicht gegenüber dem Westen „um 100 Jahre zurück“. Bittere Prognosen zu der für die Welt entscheidenden Frage: „Wer überlebt?“ (Buchtitel) Nur bei höherem Bildungsstand sinken die Geburtenraten in Afrika. Nur dann ist Entwicklung möglich. können Flucht und Migration vermieden werden. Am Beispiel Finnlands, das im 19. Jahrhundert klimabedingt (Kälte!) an schweren Hungersnöten litt, schildert er, wie ein Land durch Bildung aus bitterer Armut entkommen kann.

Dank an Dr. Reiner Klingholz.

Dr. Reiner Klingholz der das Buch „Wer überlebt?“ zusammen mit Prof. Wolfgang Lutz geschrieben hat, war dreimal mein Gast, über die Integrationsstudien des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, und über sein Afrika-Buch „Sklaven des Wachstums. Die Geschichte einer Befreiung“.  Klingholz gehört zur Reihe jener Gäste in „Zwölfzweiundzwanzig“, die ich auch nach den Interviews, ob für Zwecke von „Zwölfzweiundzwanzig“ oder in anderen Zusammenhängen, als Experte zurate ziehen konnte. Für seine jederzeit gezeigte Bereitschaft dazu – und der aller anderen meine Gäste – hier ein herzliches Dankeschön! Außerdem Dank auch an Dr. Klingholz, dass ich eine Veranstaltung des Berlin-Instituts mit Helmut Schmidt moderieren durfte.

Foto: Campus-Verlag

Das Politische (4): Soziale Ungleichheit?

Prof. Clemens Fuest, Präsident IfO-Institut München. Die Verteilung von Einkommen und Vermögen in Deutschland. Nein, Deutschland versinkt nicht in Armut. Ein (er-)klärendes Gespräch  mit „einem der klügsten Ökonomen, die Deutschland zu bieten hat“ (FAZ).  Eine noch immer grundlegende, wissenswerte Analyse, bei der es nicht auf die letzte Stelle hinter dem Komma ankommt.
Armut und Ungleichheit sollten nicht synonym gebraucht werden. Entgegen dem Eindruck, den z.B. die NGO „Oxfam“ gern verbreitet, gilt dabei: 1981 waren nach der Weltbankdefinition von Armut (weniger als 1,9 US-Dollar pro Tag) noch 44 Prozent der Weltbevölkerung arm, 2012 jedoch nur noch 12 Prozent. Fuest: „Die Armut auf der Welt hat dramatisch abgenommen.“ Daran sei die Globalisierung „schuld“. Und: In Deutschland wird durch Umverteilung viel Armut verhindert. „Der Sozialstaat wirkt“, hat mir Gerd Wagner (SOEP, DIW-Berlin)  im Interview gesagt. Hier mehr Forschungs-Beiträge des Ifo-Institutes zum Thema Ungleichheit.

Foto: IfO München

Politische Debatte: Rhetoriker schaut Bundestag

Roger Willemsen. In seinem Bestseller „Das Hohe Haus“ hatte der am 07. Februar 2016 verstorbene Publizist und Fernsehmoderator über seine einjährigen Beobachtungen im Deutschen Bundestag berichtet. Das war hochinteressant zu lesen, schon, weil der Literaturprofessor ein glänzender Schreiber (und Redner) war. Eben weil er aber um die Bedeutung und Kraft von Sprache wusste. bestand der Reiz dieses Interviews darin. zu hören, wie der so wortgewandte Rhetoriker reagiert, wenn man seine Worte wägt.  Die Neue Osnabrücker Zeitung schrieb über diese Sendung: „Feine freche Fragen.“ 

In memoriam Roger Willemsen. Hier in London 2012.
Foto: Anita Affentranger. S. Fischer Verlage

 

SPD: Agenda-Trauma

Franz Müntefering, SPD, Ein Rückblick auf 10 Jahren Agenda 2010, das Ende von Gerhard Schröders Kanzlerschaft, von Rot-Grün also, (historisch interessant!), auf Münteferings politisches Wirken, Vor seinem Ausscheiden aus dem Bundestag ein sehr persönliches Gespräch, an das ich mich gern erinnere.

Einst im „schönsten Amt neben Papst“:
SPD-Vorsitz. Franz Müntefering 2013

Porträts (1): Legendärer Kabarettist

Dieter Hildebrandt. Den Kabarettisten kannte ich schon aus meiner Zeit in der Pressestelle des SFB: „Scheibenwischer“ (ARD). Wir waren per „Du“. Im Inforadio galt für Gäste „Sie“. „Dieter, Sie…“ Schwierig… Ich hatte hohen Respekt vor seiner Schlagfertigkeit, was „zum Schlage bereit“ bedeute, wie er hier meint. Dieter konnte „kratzbürstig“ werden, wenn einer ihn ahnungslos befragte. Zum Glück hatte ich sein Buch „Nie wieder 80!“ genau gelesen.  Dieter, geboren am 23. Mai 1927 in Bunzlau, Schlesien,  liebte die Gedichte seiner Heimat. Man hört es hier!
Dieter Hildebrandt starb am 19. Dezember 2012 im Alter von 85 Jahren.

Die lieben Kollegen...

Die lieben Kolleginnen und Kollegen und das Stichwort „kratzbürstig“. Man kann bestimmte Reaktionen von Prominenten doch manchmal verstehen, nicht wahr? Bundespräsident Johannes Rau erzählte einmal beim Bier mit Journalisten die Anekdote von der Begegnung mit einer jungen Fernsehreporterin in München. Nach einer Rede am 26. November 2003 aus Anlass des Gedenkens an die so genannte „Reichskristallnacht“  sei die junge Frau auf ihn zugekommen und habe gefragt; „Herr Bundespräsident, was war das Wichtigste an Ihrer Rede?“ Darauf der so qualifiziert angesprochene Bundespräsident: „Einleitung, Hauptteil, Schlussteil.“

In memoriam Dieter Hildebrandt, Foto: Christoph Vohler
[CC BY-SA 3.0 
Wikimedia. Lizemz

Porträts (2): Freude an Freud

Margarete Mitscherlich-Nielsen. Im Alter von 93 Jahren das letzte ausführliche Interview mit der großen Psychoanalytikerin und Feministin über ihr Leben, auch mit Alexander Mitscherlich, („Die Unfähigkeit zu trauen“); Eifersucht; ihren Sohn; Sigmund Freud. als Gott; ihre Lust am Schminken („Eine deutsche Frau schminkt sich nicht, hieß es bei den Nazis.“); über Geburt („Ich wäre gern noch einmal schwanger.“), die Radikalität des Alters und den Tod. Making of: Aufwändigste Vorbereitung, Ich muste etwas lauter sprechen. Abschrift hier. Margarete Mitscherlich  starb am 12. Juni 2012.Ihr letztes großes Interview zum Nachlesen hier___

In memoriam: Margarete Mitscherlich-Nielsen
mit „Gott“ (?) Sigmund Freud,  Foto: Walter Breitinger, S.Fischer-Verlage

Porträts (3): Legendäre Feministin

Alice Schwarzer, Margarete Mitscherlichs Freundin. Das war eine Aufgabe! Es gibt in dem Gespräch eine Stelle, an der sie feststellte, wie genau ich ihr Buch „Lebenslauf“ gelesen hatte. („Kind“ oder „Kinder“, Plural?)  Ergebnis, auch durch ein paar Tricks, schon beim Empfang, um eine gute Gesprächsatmosphäre zu schaffen: Offenheit. „OK, Ihr wollt es wissen. Hier ist mein Leben.“ Von Kinderwunsch bis Klitoris und: „So’n Quatsch, Männer sind nicht alle böse“ bis zu Anekdoten „unter Feministinnen“. An einer Stelle flirtete sie fast mit mir. („Ihre blauen Augen?“) Beachten Sie die Pause auf die Frage nach ihrer Verletzlichkeit. Abschrift hier.

Alice Schwarzer: Lebenslauf.

Wider den „Allmachtsfeminismus“

Eigentlich unglaublich: Dies ist ein hochaktuelles Gespräch, das jedoch schon 2012 entstand – mit der Wiener Psychoanalytikerin Christine Bauer-Jelinek über ihr Buch Der falsche Feind – schuld sind nicht die Männer.  Sie kritisiert aus einer eher linken Perspektive und mit den Erfahrungen als Coach von Führungskräften – Frauen wie Männer – viele Denkmuster der Frauenbewegung als „Allmachtsfeminismus“, unter anderem jenes, wonach nur die Vollzeit arbeitende Frau als emanzipiert gelte. Einer der zentralen Sätze: „Der These von der unterdrückten Frau darf heute niemand mehr öffentlich widersprechen – kein Mensch, kein Medium, kein Manager und keine Partei kann sich das erlauben.“ (Seite 157)

Ein spannendes Gespräch!

Über das Buch

Christine Bauer-Jelineks Buch

In diesem Gespräch mit der Österreicherin  Christine Bauer-Jelinek geht es um ihr Buch mit der für Männer tröstlichen Aussage, „Schuld sind nicht die Männer“, Untertitel ihres Buches „Der falsche Feind“. Dort schreibt sie auf Sete 157: „Der These von der unterdrückten Frau darf heute niemand mehr öffentlich widersprechen – kein Mensch, kein Medium, kein Manager und keine Partei kann sich das erlauben.“  Bauer-Jelinek hatte einmal in einem Interview über sich gesagt: „Ich komme aus ganz einfachen Verhältnissen und bin selbst der Prototyp dessen, was die Frauenbewegung bewirkt hat.“ Die Österreicherin coacht Frauen in Führungspositionen und auf dem Weg dorthin, ihr Herz schlägt politisch eher links. Und doch schreibt sie: “Wer politisch links steht, muss heute das Dogma von der in Vollzeit berufstätigen Frau, dem Mann am Herd und die Betreuung von Kindern und Alten in Krippen und Heimen akzeptieren.“ (137)  Sie weiß von vielen Frauen: „Die Doktrin des (Sie nennt es) Allmachts-Feminismus – Vollzeit-Erwerbstätigkeit für Männer und Frauen – fordert einen hohen Preis“, (117) Nämlich: „Zwischenmenschliche Beziehungen werden in den Hintergrund gedrängt; für Kinder und Alte, Intimität und Partnerschaft, Gesundheit und persönliche Weiterentwicklung bleiben neben Job und Hausarbeit weder Zeit noch Kraft.“ (Ebenda) Am meisten provozieren dürfte dieser Satz: „Frauen waren nie als Gesamtheit von Männern grundsätzlich unterdrückt.“ (144)  Gemeint im Sinne von: „Sowohl Männer als auch Frauen nahmen im Laufe der Geschichte unterschiedliche Positionen ein – mit allen Vor- und Nachteilen für beide, ohne dass eine Dominanz der Männer begründet wurde.“ 144. Und auch dieser Satz dürfte nicht so recht pc sein: „Frauen setzen ihre moralische, emotionale und sexuelle Macht als Geliebte, Ehefrau und Mutter in den persönlichen Beziehungen ein, um ihre persönlichen Interessen, aber auch Anliegen für die Gesellschaft durchzusetzen.“ (154f.) Mein „Zwölfzweiundzwanzig“-Gespräch mit Christine Bauer-Jelinek können Sie hier auf der PodcastSeite hören.

 

Christine Bauer-Jelinek

Christine Bauer-Jelinek. Foto: privat

Porträts (4): Gysi steigt (fast) aus

Gregor Gysi nahm 2015 mal wieder Abschied – diesmal vom Fraktionsvorsitz der Partei DIE LINKE im Deutschen Bundestag. Das Ende der Ära Gysi auf der großen politischen Bühne fiel zusammen mit dem 25. Jahrestag der Deutschen Einheit. In diesem Gespräch zieht Gregor Gysi Bilanz, redet über Erfolge und Niederlagen, über Hass in der Fraktion DIE LINKE und über den hohen persönlichen Preis von Politik, der zuweilen tränenreich sein kann, wie hier zu hören ist. Hier erleben Sie einen eher leisen, nachdenklichen und – in Grenzen – selbstkritischen Gysi. Pünktlich zum Abschied hatte der Politiker ein Buch vorgelegt: „Ausstieg links. Eine Bilanz“.
Lesen Sie gern auch die Abschrift meines Interviews  Hier__

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Christine Bauer-Jelinek

Gregor Gysi und Ingo Kahle 2015
im ARD-Hauptstadtstudio

Porträts (5): Rassismus konkret

Mo Asumang, Schausilerin (u.a.als Condoleeza Rice), Filmemacherin und Schriftstellerin. Geboren in Kassel als Tochter einer weißen deutschen Mutter und eines Ghanaers, der als Student nach Deutschland gekommen war. Viele Jahre hatte sie Schwierigkeiten, ihre Idenbtität zu finden. Sie wurde als bekannte Fernsehmoderatorin – bis hin zur Morddrohung – von  Neonazis angefeindet. Dieser „Nazi-Scheiß“ habe sie mürbe gemacht, , wie sie sagt, Für ein Filmprojekt begab sie sich mutig mitten in die Neonaziszene, was sie auch perönlich sehr gestärkt hat. Über diese Erfahrungen, über ihr Leben hat sie das Buch „Mo und die Arier“ geschrieben. Ich mag dieses Gespräch, weil es ganz konkret zeigt, was Rassismus ist und wie er wirkt. Aber auch deshalb, weil sich – wie ich finde – hier besonders ausgezahlt hat, dass ich ihr Buch sehr genau gelesen hatte und sie deshalb gezielt fragen konnte. Das bewirkte, dass sie sich sehr geöffnet hat und uns höchst eindrucksvoll an ihrem Leben teilhaben lässt.

Mo Asumang 2016. Foto: Kahle

Leben (1): Gotteswahn?

Prof. Wolfgang Huber. Der frühere Bischof für Berlin, Brandenburg und die schlesische Oberlausitz und EKD-Ratsvorsitzende als Gast – eine reine Freude. „Sie haben mich so präzise gefragt, dass ich nicht ausweichen konnte“, sagte er mir nach der Aufzeichnung eines Gespräches über sein Ethik-Buch. Hier eines meiner am aufwändigsten vorbereiteten Gespräche – über Atheismus, anhand der Bücher von Richard Dawkins „Der Gotteswahn“ und Christopher Hitchens, „Der Herr ist kein Hirte“.

2013 nach Gespräch über sein Ethik-Buch.
Letztes Buch: Über Dietrich Bonhoeffer,

Leben (2): Starke Frauen wollen starke Männer

Maja Storch, Psychoanalytikerin. „Mein Beruf ist Erfinderin“, schreibt sie auf ihrer Homepage. Sie ist Autorin eines Longsellers: „Die Sehnsucht der starken Frau nach dem starken Mann“: Männer wissen nach dessen Lektüre das oft merkwürdige Verhalten von so genannten „starken Frauen“ zu deuten – und diese sich selbst. Ein wunderbar erklärendes, vergnügliches Gespräch über emanzipierte Frauen (Die Bremsbelege vom R4 in der Frauen-Werkstatt selbst repariert.) und die Männertypen wilder Wolf (der Frauen oft enttäuscht) und netter Junge von nebenan, der sexuell nicht attraktiv zu sein scheint. In einem zweiten Gespräch berichtete Maja Storchs Bruder Johannes über seine – leidvollen – Erfahrungen als – platt gesprochen – „Frauenversteher“. Zusammen mit Schwester Maja gab er viele gute Ratschläge auch in dem Buch. „So können starke Männer starke Frauen lieben.“

„Die Sehnsucht der starken Frau
nach dem starken Mann“
Foto: Maja Storch privat.

Leben (3): Liebe, Vernunft, Ehe

Dr. Arnold Retzer, Heidelber, ist einer der führenden Paartherapeuten Deutschlands. Thema dieses Gesprächs: Vernunft und Liebe – wie Ehen gelingen. In seinem Buch „Lob der Vernunftsehe“ gibt er – wie hier – „Einblicke in die Misserfolge, Krisen und Katastrophen, aber auch in die Erfolgsgeschichte so mancher Ehe.“ Die meisten Deutschen leben in einer Ehe. Dieses so /Ehe-)alltagsnahe Interview könnte man heute noch ganz genauso ausstrahlen. Vielen Paaren – verheiratet oder (noch) nicht – sei es wärmstens empfohlen, zum Hören oder auch zum Lesen. Abschrift hier____

Dr. Arnold Retzer. Foto: privat

Leben (4): Artenschutz für Männer

Hanne Seeman, Psychologin, Praxis in St. Leon-Rot,nNahe Heidelberg. Autorin des Buches „Artenschutz für Männer. Welch ein Vergnügen, dieses Gespräch zu führen und dementsprechend, es anzuhören! Nicht nur als Mann! Und nicht nur wegen dieser Sätze: Als sie jung war, habe sie es sehr bedauert, „dass es jetzt den Männern verboten wurde, hinter den Mädchen herzupfeifen. Das fand ich schade! Ich dachte, jetzt pfeift keiner mehr.“  Den Feminismus beschuldigt sie, den Männern ausgetrieben zu haben, eine Frau anzumachen. „Dieser Spruch, die Männer wollen ja immer nur das Eine. Mir scheint, jetzt nicht mehr. Ich finde das schade.“ Doch Vorsicht: Hier redet keine Eva Hermann, keine Anti-Feministin! Viel Vergnügen bei interessanten Gedanken! Hilfreich für Mütter von Söhnen. Zum Nachlesen hier__

Jungen, Mädchen, Rollenbilder. Foto: Kahle

Leben (5): Aufstieg durch Bildung?

Prof. emer. Heinz-Elmar Tenorth, Bildungshistoriker, HU-Berlin. Als „sozial“ gepriesene Schulformen (Sekundarschule, Gesamtschule) scheitern viel zu oft an ihrem Ziel „Aufstieg durch Bildung“. Im Gegensatz dazu ist die soziale Durchlässigkeit von Gymnasien meist höher. Immer mehr statt weniger Schüler bleiben ohne einfachen Schulabschluss. Eine neue Berliner Studio zu Lebensverläufen kommt sogar zu dem Schluss, dass Aufstiege künftiger Generationen unwahrscheinlicher würden.

Kein Aufstieg mehr?

Das Thema beschäftigt mich schon länger. Die Eltern der heutigen Babyboomer, gebeutelt durch den Zweiten Weltkrieg, waren besonders beseelt von dem Gedanken, ihre Kinder sollen es einmal besser haben als sie. Das ist auch vielen gelungen, vielfach erreicht durch Entbehrungen in ihrem eigenen Leben. Zum Glück für die Bundesrepublik gab es die sprichwörtliche „Bildungsexpansion“. Ob schon für die Kinder der Babyboomer, aber erst recht für deren Kinder aus diesem Wunsch – meine Kinder sollen es einmal besser haben als ich – auch Wirklichkeit werden kann, oder ob lediglich das Halten eines erreichten sozialen Standards möglich sein wird, ist eine spannende Frage. Der erreichte Status ist ja auch oft wesentlich höher als der der Groß- oder Urgroßeltern.  Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichte im März 2019 auf ihrer Wissenschaftsseite über eine Berliner Studie über die Lebensverläufe mehrerer Generationen. Die Schlussfolgerung ist interessant: Generell gelte, „dass gerade die in den vergangenen Jahrzehnten erreichten Modernisierungsgewinne der deutschen Gesellschaft Aufstiege für zukünftige Generationen eher unwahrscheinlich machen werden.“ Die Begründung ist sehr einfach; „Irgendwann kann es für alle nicht mehr weiter nach oben gehen.“ Heinz Elmar Tenorth spricht zudem vom Bildungsparadox, das darin bestehe, dass wenn alle Abitur haben, dieses frühere Bildungsprivileg immer mehr abgewertet werde. Die Autoren der Studie vermuten dem Bericht zufolge, der Focus von Eltern werde in Zukunft „eher auf Investitionen in den Statuserhalt ihrer Kinder liegen, als die Mittel für einen weiteren Aufstieg zu erwirtschaften.“ Das bedeute zwar kaum, dass die Bundesrepublik eine Abstiegsgesellschaft sei. Sie könne jedoch „eine Gesellschaft werden, wo es für die Mehrheit nur noch um den Erhalt des Erreichten gehen wird.“ (1)

Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an eine Äußerung des Politologen Peter Graf Kielmannsegg in einer von mir geleiteten Podiumsdiskussion der Hanns-Martin-Schleyer-Stiftung (siehe „Ihr Moderator“) Seit den 1970er Jahren habe sich ein grundlegender „Wertewandel“ vollzogen. In der amerikanischen Politikwissenschaft habe Ronald Inglehart dazu zahlreiche Studien vorgelegt, die zeigten, so Gtaf Kielmannsegg, „dass sich in eiber kurzen Zeit ein grundlegender Wertewandel vollzogen hat, den er mit den Begriffen ‚materialistisch‘ und ‚postmaterialistisch‘ umschreibt. Die älteren Generationen sind in einem Wertehorizont zuhause, der sehr stark von materiellen Erwägungen bestimmt ist. Die jüngeren Generationen bewegen sich in einem Horizont, der postmaterialistisch ist, also die materiellen Werte nicht mehr so wichtig nimmt. Dies aber nicht, weil plötzlich eine mönchische Askese eingekehrt wäre, sondern weil der Wohlstand selbstverständlich geworden ist. Man setzt ihn einfach voraus. Und wenn man das materielle voraussetzt, dann kann man sich sehr gut für immaterielle Werte engagieren.“

Heinz-Elmar Tenorth treibt der hohe Anteil junger Menschen um, die die Schulen ohne Bildungsabschluss verlassen – trotz oder gerade wegen der an Strukturen statt an Unterrichtsqualität ansetzenden Bildungsreformen. Das beklagte er 2009 und das gilt auch heute noch ganz genauso: Jährlich verlassen 50.000 junge Menschen die Schulen ohne einen Abschluss. Laut jüngstem Berufsbildungsbericht haben 2,1 Millionen junge Menschen in Deutschland keinen Berufsabschluss. (2)

(1) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, FAS, 10.03.2019, Seite 60. Der Bericht bezieht sich auf: Rolf Becker, Karl Ulrich Mayer: Societal Change and Educational Trajectories of Women and Men Born between 1919 and 1986 in (West) Germany, in: European Sociological Review, 2019, 1-22.

(2) Britta Beeger: Der Niedriglohnsektor in Verruf. FAZ, 02.05.2019, S. 15. https://bit.ly/2VEFARY

Foto: Baumert(HU-Berlin

Leben (6): Vereinbarkeit – eine Lüge?

Susanne Garsoffky und Britta Sembach. Familie und Beruf sind nicht vereinbar, behaupten die beiden Autorinnen schon im Titel ihres Buches. „Wir sind der ‚Alles-ist-möglich-Lüge‘ aufgesessen. Wir sind belogen worden und haben uns selbst belogen.“   Die beiden Frauen sind nun wahrlich keine Anti-Feministinnen, fragen sich jedoch: „Mein Gott, sind wir wirklich so konservativ geworden?“ Ein großes, ein wichtiges Thema, das ich in „Zwölfzweiundzwanzig“ mehrfach aufgegriffen habe. Schon, weil ich große Lust dabei empfand, scheinbare gesellschaftspolitische Axiome, Denkmuster immer auf den Prüfstand zu stellen. Über dieses Thema könne man nicht mehr gelassen diskutieren, meinen die Autorinnen. Zum Nachlesen hier__

Kinderbetreuung – Kinder beschäftigen. Foto: Kahle

Leben (7): Kinderbetreuung – Kindeswohl

Dr. Rainer Böhm, Sozial- und Neuropädiater aus Bielefeld-Bethel über Kleinkindbetreuung, ein hochemotionales Thema, Man kommt  schnell in den Geruch, die moderne Zeit am liebsten zurückdrehen zu wollen. („Herdprämie“!) Dass nur die möglichst vollerwerbstätige Frau als emanzipiert gelten kann, ist geradezu ein Leitbild, an dem z.B. der rhrt linke Journalist Rainer Stadler in seinem Buch „Vater, Mutter, Staat – Das Märchen vom Segen der Ganztagsbetreuung“ heftig kratzte. Dr. Rainer Böhm argumentiert als Neuropädiater nicht aus der gesellschaftlich so nachvollziehbaren Frauen-Perspektive, sondern eben medizinisch begründet aus der des Kindeswohls.

Foto: Ingo Kahle

Leben (8): Das Altern erforschen

Prof. Dr. Björn Schumacher, Alternsforscher an der Uniklinik Köln:  „Das Leben wird zum Ende hin immer kürzer und endet immer tödlich.“ Bekannt. Aber „Das Geheimnis des menschlichen Alterns“, die „Explosion“ in der Alternsforschung fand sich unter den 20.000 Genen eines Fadenwurms (Nematoden): Alternsgene, Die gleichen bestimmen auch das menschliche  Altern, und Sexualhormone lassen Männer im Schnitt 5-8 Jahre kürzer leben als Frauen. Ein lebensnahes Gespräch!

Foto: MFK/Uniklinik Köln

Europas Krise (1): Helmut Kohls Visionen

Prof. Hans-Peter Schwarz. Historiker. Von vielen „Zwölfzweiundzwanzig“ zum Thema Europa, europäische Schuldenkrise habe ich hier vier ausgewählt. Ganz bewusst zuerst der Autor einer umfassenden, über 1000 Seiten starken (!) Biografie von Helmut-Kohl, weil er eine Lüge Kohls und weitere wichtige historische Zusammenhänge zur Euro-Entstehung aufzeigt, besonders in der zweiten Hälfte des Gesprächs. Der „Zeithistoriker allererster Güte“ (Cicero) verstarb am 14. Juni 2017 im Alter von 83 Jahren, zwei Tage vor Helmut Kohl.

Helmut Kohls Versprechen

Helmut Kohl im Dezember 1991 im Deutschen Bundestag: „Man kann dies nicht oft genug sagen: Die Politische Union ist das unerlässliche Gegenstück zur Wirtschafts- und Währungsunion. Die jüngere Geschichte, und zwar nicht nur die Deutschlands, lehrt uns, dass die Vorstellung, man könne eine Wirtschafts- und Währungsunion ohne Politische Union auf Dauer erhalten, abwegig ist.“ Zu diesem Zeitpunkt waren erste Vorbereitungen im Finanzministerium zur Einführung des Euro jedoch längst im Gange.

Nach dem Maastricht-Gipfel 1991 erklärte Kohl im Deutschen Bundestag: „Gelungen, meine Damen und Herren, ist es vor allem, den Vorrang der Geldwertstabilität so eindeutig festzuschreiben, daß dies – das sage ich auch im Hinblick auf die öffentliche Diskussion in unserem Land, den Vergleich mit dem deutschen Bundesbankgesetz nicht zu scheuen braucht.“  Kohl verweist sodann auf das berühmte Maastricht-Kriterium, wonach die Neuverschuldung unter drei Prozent des BIP liegen muss und wertet:  „…..das ist ein bisher einmaliger Vorgang,  daß sich souveräne Staaten im Rahmen internationaler Verträge zu einer dauerhaften Begrenzung ihrer öffentlichen Verschuldung verpflichten und darüber hinaus bereit sind, bei Verletzung der Haushaltsdisziplin abgestufte Sanktionen zu akzeptieren….Damit sind völkerrechtlich bindende Regelungen vereinbart, mit denen verhindert werden kann, dass die auf Preisstabilität ausgerichtete Geldpolitik durch eine falsche nationale Haushaltspolitik unterlaufen werden kann.“ Zitiert nach Schwarz‘ Kohl-Biografie, Seite 702, in dieser Sendung im Originalton zu hören. Kohl verlässt sich also darauf,“dass alle Staaten, die das komplizierte Vertragswerk unterschrieben haben, sich auch getreulich daran halten werden.“ Schwarz, 702f.

Hans-Peter Schwarz schildert den Streit um die Frage, ob der Holländer Wim Duisenberg oder der Franzose Jean-Claude Trichet, der später fleißig griechische Staatsanleihen kaufte – Präsident der Europäischen Zentralbank, der EZB, werden sollte und zieht, da es Trichet wurde, das Fazit: „Wieder einmal … hat ein französischer Präsident demonstriert, dass der Euro für ihn genauso wie zuvor für Mitterand nicht primär ein großer Schritt zum vereinten Europa ist, sondern ein Instrument französischer Machtpolitik, um die Dominanz der D-Mark ein für allemal zu beseitigen.“ Schwarz, 815

Margaret Thatcher, die damalige britische Regierungschefin (Tories), prophezeite das Gegenteil von gebrochener Macht: Deutschland werde eine Führungsrolle einnehmen. Auch wenn das so ist und gar wider Willen so ist: Man kann fragen, ob die in Europa so verbreitete Klage über Merkels Austeritätspolitik“ ein Widerstand gegen Deutschlands Status als europäische Führungsmacht ist, oder besser, nach Herfried Münkler, „Mittelmcht wider Willen“.

Aktuell steht es nicht gut um die deutsch-französischen Beziehungen, trotz des neuen „Aachener Freundschaftsvertrages“. Das hier beschriebene Muster, wonach es Frankreich immer darum zu tun iat, die Wirtschaftskraft Deutschlands „einzugehen“ zeigt sich auch aktuell wieder. Emmanuel Macron muss sein Land sanieren, die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. Das versucht er durch eine Erneuerung Europas, welche auf die finanzielle Hilfe Deutschlands baut, zu bewerkstelligen. In Deutschland stößt dies auf00 Widerstand sowohl der Kanzlerin als auch ihrer Wunschnachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer. Beispiel: Europäischer Mindestlohn, wie er von der SPD gefordert und von der Union abgelehnt wird. Natürlich würde eine Vereinheitlichung auf dem hohen französischen Niveau die Wettbewerbsfähigkeit Frankreichs erhöhen – auf Kosten Deutschlands. In Frankreich hat der Präsident den Mindestlohn aktuell auf 10.03 Euro je Stunde festgesetzt. Die Erhöhung um 100 Euro bei einer Wochen-Arbeitszeit von 35 Stunden kam auf Druck der Gelbwesten-Proteste zustande. Diese Mindestlohn ist einer der Gründe für die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich. Zum Vergleich: Der gesetzliche Mindestlohn in Deutschland liegt seit dem ersten Januar 2019 bei 9,19 Euro und wird zum 1. Januar 2020 auf 9,35 Euro angehoben – ohne eine gesetzlich festgesetzte 35-Stunden-Woche. Die Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich lag im Januar 2019 bei 20,1 Prozent, in Deutschland bei 6 Prozent. Das ist die niedrigste Quote in der gesamten Europäischen Union. Der Durchschnitt in den Ländern der Eurozone lag zum selben Zeitpunkt bei 16,5 Prozent. Sollte Deutschland also wirklich seinen Wettbewerbsvorteil zugunsten Frankreichs oder anderer Länder der EU durch einen einheitlichen europäischen Mindestlohn aufgeben?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In memoriam Prof. Hans-Peter Schwarz.
Foto: Dominik Rößler, DVA

Europas Krise (2): Missachtete Regeln

Viviane Reding, seinerzeit als EU.Justiz(!)-Kommissarin Vizepräsidentin der EU-Kommission. Das Gespräch mit der der Christlich-Sozialen Volkspartei CSV in Lixemburg angehörenden Politikerin zeigt all die Begründungen auf, mit denen von Helmut Kohl so gepriesenes Recht (z.B. der Stabilitätspakt) immer wieder gebrochen wurde. Zuerst übrigens von Deutschland und Frankreich, geführt von Gerhard Schröder und Jacques Chirac. „Ihr Deutschen stellt immer dieselben Fragen“, kritisierte sie mich nach dem Gespräch, als ich sie im Fahrstuhl des Brüsseler ARD-Studios nach draußen begleitete. Ich denke, es waren die richtigen.

Gebrochene Regeln und Visionen

Denken wir an das, was Helmut Kohl im Deutschen Bundestag gesagt hatte, im Originalton im Gespräch mit Hans-Peter Schwarz zu hören: …“völkerrechtlich verbindlich…“ Das sieht so aus: Es gibt in dem Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) eine Klausel – Artikel 125 – die ein für die Währungsunion grundlegendes Prinzip verankert, das auch für jegliches menschliche Handeln gilt: Die Einheit von Handeln und Verantwortung. Die Regel bedeutet: Kein Staat haftet für die Schulden eines anderen. „No-Bail-Out“. Wortlaut: „Ein Euro-Staat haftet nicht für die Schulden eines anderen Euro-Staats und tritt nicht in diese ein.“ Mit anderen Worten: Ausgeschlossen werden hier nur eine automatische Mithaftung eines Euro-Staats für einen anderen sowie ein Schuldbeitritt. Nicht ausgeschlossen wird damit die freie Entscheidung jedes souveränen Staats, ob er einem Nachbarstaat einen Kredit gewährt oder ihn anderweitig finanziell unterstützt.“

Wie interpretierte Viviane Reding als Justiz(!)-Kommissarin diese Regel? Auf dem Deutschen Juristentag am 18.09.2012 in München sagte sie: „Ein Euro-Staat haftet nicht für die Schulden eines anderen Euro-Staats und tritt nicht in diese ein. Mit anderen Worten: Ausgeschlossen werden hier nur eine automatische Mithaftung eines Euro-Staats für einen anderen sowie ein Schuldbeitritt. Nicht ausgeschlossen wird damit die freie Entscheidung jedes souveränen Staats, ob er einem Nachbarstaat einen Kredit gewährt oder ihn anderweitig finanziell unterstützt. Dies bestätigt auch eine systematische Lesart der Verträge. Drei Artikel vor dem berühmten Artikel 125 AEUV steht Artikel 122 AEUV, der in der deutschen Diskussion praktisch nie Erwähnung findet. Dort heißt es, dass der Rat der EU-Finanzminister mit qualifizierter Mehrheit beschließen darf, einem EU-Mitgliedstaat, der sich aufgrund außergewöhnlicher Ereignisse in Schwierigkeiten befindet, einen finanziellen Beistand der Union zu gewähren.“ Die damalige französische Finanzministerin Christine Lagarde sagte es 2010 klarer: „Wir sind über die bestehenden Regeln hinausgegangen“. Der französische Europaminister Lellouche erklärte, die EU habe „de facto den Vertrag geändert“. FAZ 23.12.2010

Im Gespräch plädiert Viviane Reding für die Vereinigten Staaten von Europa mit diesen Worten: „Ich habe gesagt, was die Regierung anbelangt, da liege ich mit Angela Merkel auf einer Linie. „Vereinigte Staaten von Europa“  ist ja einen  Schritt weiter gedacht. Das wäre ein Gebilde, das ungefähr so aussehen würde wie Deutschland. Deutschland ist ja auch „Vereinigte Staaten“. Es ist ja auch eine Föderation von Ländern und einer Zentralregierung. Und die Länder haben ja auch noch Befugnisse und es gibt das Zwei-Kammer-System, was mir auch für Europa vorschwebt. Also eine sehr starke Zuständigkeit des Europäischen Parlaments, direkt gewählt von den Bürgern. Das Europäische Parlament, was ja dann auch den Präsidenten der Regierung bestimmen könnte aber dann auch aufgelöst würde, wenn die Regierung fallen würde. Und als zweite Kammer die Kammer der Staaten,  so wie der Bundesrat besteht. Ein solches Gebilde schwebt mir vor. Weil die Art und Weise, wie wir jetzt schnell, schnell, schnell Maßnahmen ergriffen haben zwischenstaatliche Maßnahmen sind, die diese Kontrolle des Europaparlaments und der zweiten Kammer nicht so sehr beinhalten wie das in einer wohl funktionierenden Demokratie eigentlich notwendig wäre.

Viviane Reding, Luxemburg,
2012 im ARD-Studio Brüssel.

Europas Krise (3): Unbequemer Analyst

Thilo Sarrazin. Ich erinnere mich noch gut, wie Caren Miosga in den ARD-Tagesthemen vergeblich versuchte, vom Commerzbank-Chefökonomen im Grunde die Aussage zu erreichen, Thilo Sarrazin schreibe in seinem Buch „Europa braucht den Euro nicht“ Unsinn. Fachlich also wenig dran zu rütteln.  Meinungen muss man nicht teilen. 

Mediale Reflexe

 

Als Thilo Sarrazins Euro-Buch herauskam, konnte manwie bei allen seinen Büchern – zweierlei beobachten. Erstens, dass der Autor in sein Buch und die entsprechenden Vor-Veröffentlichungen jeweils einen Satz einbaut, von dem er sich hohe Aufmerksamkeit versprechen kann, weil zweitens Medien, Netzöffentlichkeit und Politik geradezu reflexartig darauf – meist ablehnend – reagieren und so die interessierte Leserschaft erst recht dazu bewegen, seine Bücher zu kaufen. Im Fall des Euro-Buches stand dieser Satz auf Seite 203: SPD, GRÜNE, LINKE seien „getrieben von jenem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben.“ Gleich am Beginn dieses Gespräches gehe ich darauf ein.

Thilo Sarrazins letztes Buch Feindliche Übernahme war mit bisher (Februar 2019) 270.000 verkauften Exemplaren und fünf Monaten auf der Spiegel-Bestsellerliste ein publizistischer Erfolg. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wird er weitgehend ignoriert. Über sein Buch „Der neue Tugendterror“ durfte auch ich seinerzeit in „Zwölfzweiundzwanzig“ nicht mit ihm reden. Begründung: Ich hätte ihn nicht zum dritten Mal einladen dürfen. (nach „Deutschland schafft sich ab“ und „Europa braucht den Euro nicht.“. Dabei waren die Gespräche mit ihm immer spannend und nie unkritisch  geführt. Ich habe ihn jedenfalls nicht ausgeladen. Der Untertitel des Buches „Der neue Tugendterror“ lautet, wie passend: „Über die Grenzen der Meinungsfreiheit“. Andreas Rödder rät in dem Gespräch, das Sie auf dieser Seite hören können, die Räume für Diskurse nicht zu klein zu halten, die „Grenzen des Sagbaren“, wie er es nennt,  nicht zu eng zu ziehen, weil sich sonst an den „Abbruchkanten“ radikale Kräfte sammeln. Wie wahr.

Sarrazin formuliert, was ganz offensichtlich ein wesentlicher Teil der deutschen Bevölkerung denkt. Sonst wären seine Bücher nicht so erfolgreich. Ihn im öffentlich-rechtlichen Rundfunk , finanziert durch den Rundfunkbeitrag für alle, zu ignorieren, halte ich für falsch. Ebenso den Versuch des FAZ-Kollegen Justus Bender in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung,  einen neuen Ausschlussantrag der SPD gegen Thilo Sarrazin geradezu herbeizuschreiben, noch bevor Bender auch nur eine einzige Zeile der „Feindlichen Übernahme“ hatte lesen können. Das halte ich sogar für Kampagnenjournalismus, welcher der von mir hoch geschätzten FAZ unwürdig ist. ika

Foto: Thilo Sarrazin privat

Europas Krise (4); Machtwort: Griechen bleiben drin!

Bundeskanzlerin Angela Merkel, CDU, wollte in diesem Interview eine Debatte tottreten. Deshalb bekam dieses Gespräch hohen Nachrichtenwert. Unter Verweis auf dieses Interview „grillten“ die Kollegen den Regierungssprecher in der Bundespressekonferenz. Merkels  Wirtschaftsminister Philipp Rösler, FDP, hatte eine ungeordnete Insolvenz Griechenlands, mithin einen GREXIT, nicht ausgeschlossen. („Keine Denkverbote“)  Dauer des Termins bei der Kanzlerin: 20 Minuten, inklusive Begrüßung und Foto. Abschrift hier.

„Schluss jetzt. Wir machen hier keinen Fototermin!“
Also Stoppuhr im iPhone starten und los!
Foto: © rbb/Oliver Ziebe

Integration von Migranten (1): Über Kriminelle

Kirsten Heisig. Die Berliner Jugendrichterin wurde oft missverstanden. Ihr „Berliner Modell“ sollte Intensivtätern helfen, nicht mehr straffällig zu werden, mit schnellen Urteilen als klare Ansagen der Gesellschaft. Mit hohem Engagement versuchte sie, in der türkischen und arabischen Community präventiv zu wirken. Veranstaltungen für Eltern, unter schwierigen Bedingungen auf die Beine gestellt, erlebte sie nicht unbedingt als Ermutigung für ihre Arbeit. Auch ihr Medienecho ärgerte sie manches Mal: „Richterin gnadenlos“ u.ä. 2010 erschien ihr Buch „Das Ende der Geduld“ .
Am 28. Juni 2010 nahm sich Kirsten Heisig das Leben. Über die Gründe sollte niemand spekulieren.

In memoriam Kirsten Heisig
©Stefan Kuperion. Herder-Verlag

Integration von Migranten (2): Generation Allah

Ahmad Mansour. Der israelische Palästinenser, Diplom-Psychologe, sagt es immer sehr offen: „Wir haben Probleme bei der Integration“. Er selbst ist ein Musterbeispiel gelungener Integration. In zahlreichen Projekten hilft er Jugendlichen, es ihm nachzutun, zum Beispiel „Heroes“. Er übt scharfe Kritik am politischen Islam. Mansours interessanter Lebensweg und die „Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen“.

Macht und Pracht des Islam: Scheich-Zayed-Moschee in Abu Dhabi. © Foto: Ingo Kahle

Rechtsterrorismus: Der NSU-Komplex

Stefan Aust und Dirk Laabs. WELT-Herausgeber der eine, Filmemacher der andere. Beide haben auf über 800 Seiten die Mordtaten des so genannten „NSU – Nationalsozialistischer Untergrund“ – nachgezeichnet: „Heimatschutz – Der Staat und die Mordserie des NSU“. Danach bleibt eine entscheidende Frage: Bedeutet das Behördenversagen im Fall NSU, dass der Staat uns nicht vor Terrorismus schützen kann?
Die Hauptangeklagte im Münchener NSU-Prozess, Beate Zschäpe, wurde im Juli 2018 als Mittäterin wegen zehnfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. 

Stefan Aust. Foto : Olivr Schulze. Dirk Laabs. Foto: Randomhouse

Altlinker „Sponti“ versus neue linke Spießer

Reinhatd Mohr, Ex-„Spiegel“-Journalist gehörte zur „Sponti“-Szene von Frankfurt (Main). In diesem Gespräch spießt er gnadenlos linke Spießer und ihre scheinbar ewig gültigen Wahrheiten auf, wie vor allem die Haltung: „Wir sind die Guten!“ Wir erleben hier die Wandlung eines Altlinken zum Bürgerlichen. Mohr fragt sich im Buchtitel: „Bin ich jetzt reaktionär?“ Trifft ihn dieses alle notwendigen, produktiven Zweifel todschlagende Urteil linker Moral-Wächter bloß, weil er sich zum Beispiel weigert, sich die gängige linke Weltretter-Attitüde zu eigen zu machen? Die Frankfurter „Sponti“-Szene war für ihre Gewaltaktionen berüchtigt. Hier berichtet der Ex-„Sponti“, heute könne es vorkommen, dass er bürgerliche Tugenden durch das Werfen von mit Wasser gefüllten ALDI-Tüten durchzusetzen trachtet. Wir hören hier also Reinhard Mohrs sehr offenen „Bekenntnisse eines Altlinken.“

Moderator, über 68, aber nicht Alt-68.
Foto: Boro

SED-Staat (1): Gescheitert.

Prof. Klaus Schroeder, Politologe, Leiter des Forschungsstabes „SED-Staat“ an der Freuen Universität Berlin. Gegen die Verklärung, die DDR sei nicht pleite und keine Diktatur, kein Unrechtsstaat gewesen. „DDR pleite, Mauer weg, Sozialismus dahin. Woran ist das DDR-System eigentlich wirklich gescheitert?“ Schroeder tut viel, um der Verklärung zu begegnen. Einfach hat er es damit bei seinen Studentinnen und Studenten nicht. Umfassend sein Buch: „Der SED-Staat. Geschichte und Strukturen der DDR 1949 – 1990“ 

Prof. Klaus Schroeder, FU-Belin

SED-Staat (2): Flucht und Stasi-Knast.

Karl-Heinz Richter lernte ich bei einer Führung in der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen kennen. Er schilderte uns Besuchern in seiner unnachahmlichen Berliner Art seine Erfahrungen im Stasi-Knast. Er geriet als Jugendlicher in die Fänge der Staatssicherheit der DDR, nachdem seine Flucht mit dem Moskau-Paris-Express gescheitert war. Dieser hielt in Berlin am Bahnhof Friedrichstraße, nächster Halt im Westen, am Bahnhof Zoologischer Garten, Darüber berichtet er in diesem Gespräch. Er erzählt davon, wie Gefangene gedemütigt und gequält wurden, wie manche die Tage in der dunklen, absolut schalldichten Gummizelle als psychisch gebrochene Menschen verließen und wie er es geschafft hat, all dies zu überstehen. Karl-Heinz Richter hat über diese Rrlebnisse und sein abenteuerliches Leben zwei Bücher geschrieben: „Moskau-Paris-Express“ und die Autobiografie „Anagramm (Aufgeschriebenes)“

Bahnhof Berlin-Friedrichstraße. Die Stelle, an der Karl-Heinz Richter auf die Gleise gelangte. Foto aus der Stasi-Akte.(Foto: BStU)

SED-Staat (3): Deutsche Einheit!

Richard von Weizsäcker, Bundespräsident a.D.: Ich interviewte die Bundespräsidenten Johannes Rau und Horst Köhler im Amt und Richard von Weizsäcker a.D. Mit ihm sprach ich, 20 Jahre nach Erlanger dem Mauerfall,, über sein Buch „Der Weg zur Einheit“. Ein wunderbarer Zeitzeuge. der den historisch in seiner Partei, der CDU, verbreiteten, oft heftigen, ja verbissenen Widerstand gegen Brandts Ostpolitik nicht geteilt hatte . Überparteilich, wie er sich als Bundespräsident auch „außer Dienst“ gab, wollte er darüber jedoch nicht reden.  Es war riskant, hier „nachzubohren“; „Wir reden hier nicht über Innenpolitik!“.

Ein Zeitdokument

Falls Sie sich wundern, dass die meisten meiner Gäste Bücher geschrieben hatten: „Zwölfzweiundzwanzig – Zu Gast bei Ingo Kahle“ war keine Literatursendung. Natürlich hat man erst einmal eine Menge Gesprächsstoff, wenn ein Gast ein Buchh geschrieben hatte. Und wie man hier hören kann, lohnt es sich auch nach Jahren noch, das Gespräch anzuhören. Es ist in gewisser Weise ein Zeitdokument. Ein Gespräch über ein Buch erforderte jedoch in meinem Verständnis nicht nur dessen genaue Lektürem, sondern immer auch zur Vorbereitung mehr und andere Quellen. Ich habe über Jahre ein „Handarchiv“, online natürlich, gepflegt, in dem ich viele Zeitungsartikel zu unterschiedlichen Themen ständig gesammelt und vor den Interviews jeweils durchgearbeitet habe. Daraus habe ich dann eine Datei mit Exzerpten gefertigt, die ich meinen „Steinbruch“ nannte. Daraus wiederum wurde dann die konkrete Vorbereitung für ein Gespräch. Quellenangaben hatte ich immer parat. FDP-Chef Christian Lindner fragte einmal, als ich ihn an einem etwas wunden Punkt erwischt hatte, wie ich denn auf diese Behauptung käme. Ich konnte sofort auf das entsprechende Zeitungsinterview – mit Zitat! – verweisen.

Richard v. Weizsäcker 1984
© Bundesarchiv, Bild 146-1991-039-11 /
CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de

Trailer für „Zwölfzweiundzwanzig“ im Programm von Inforadio

Für„Zwölfzweiundzwanzig – Zu Gast bei Ingo Kahle“ wurde von Donnerstag bis Sonnabend mit Trailern geworben. Hier drei meiner Favoriten. Nummer 1: Für ein Gespräch 2006 mit Oskar Lafontaine, damals Fraktionschef DIE LINKE im Bundestag. Alles, was der Apple-Pro-Tools-Computer möglich machte. Dank an das gesamte Produktionsteam für die Arbeit in all den Jahren, insbesondere an Uwe Mikulla für viele von ihm so außerordentlich interessiert und professionell begleitete Aufzeichnungen sowie solche Trailer. Dank aber auch an all die Kolleginnen und Kollegen im ARD-Hauptstadtstudio – von der Studioplanung bis zur – ebenfalls hochprofessionellen – technischen Realisierung vieler Aufzeichnungen. 
Nummer 2: Für das Jahresende habe ich manchmal Jahresrückblicke produziert, Originalton-Zitate aus Gesprächen in „Zwölfzweiundzwanzig“, mit Augenzwinkern zusammengestellt. „Best of 2007“, u.a. mit Rainer Brüderle, Guido Westerwelle und dem geborenen Schlesier Dieter Hildebrandt. Nummer 3: Jahresrückblick 2008 mit einem Bekenntnis Wolfgang Schäubles, dem Unterwäsche-Geheimnis der Professorin Miriam Meckel, heute Ehefrau von Anne Will,  und der Weisheit des Peter Struck, einst SPD-Fraktionschef im Deutschen Bundestag, gestorben am 19. Dezember 2012.