Text und Fotos: Ingo Kahle.

Über ehrenamtliche Arbeit im Hospiz

 

   Ich sitze in meinem Schaukelstuhl am offenen Fenster in meiner Wohnung im zweiten Stock. Die Sonne wärmt mich. Auch mein Herz, das schwer ist. Unten im Garten spielen die Kinder, toben, lärmen. Manchmal weint eines, weil es sich wehgetan hat. „Mama!“ Kinder können ihr plötzliches, tiefes Leid so herzzerreißend aus sich herauspressen. Doch der Schmerz ist nach Mamas Trostspende meist schnell vergessen. Ich schaue kurz aus dem Fenster und sehe ein gut vierjähriges Mädchen jauchzend auf dem Trampolin herumhüpfen. „Fang mich doch, Eierloch!“ Mein Herz hüpft vor Freude mit. Es ist das blühende, unbeschwerte Leben. Wunderbar.

 

     Mir ist nach Musik. Laut höre ich Andrea Bocelli, Amazing Grace – Music for Hope.Das passt zu meiner Stimmung. Anschließend Milva, Hurra, wir leben noch! „Wie stark ist der Mensch“, fragt sie. „Ist er überhaupt so stark, wie er oft glaubt? Wie viel Ängste, wie viel Druck kann er ertragen?“ Ich singe, wohl eher gröle beim Refrain mit, Tränen fließen. „Hurra, wir leben noch / Was mussten wir nicht alles übersteh’n? / Und leben noch. / Was ließen wir nicht über uns ergehen? / Der blaue Fleck auf unsrer Seele geht schon wieder weg / Wir leben noch.“ Dann ist es gut. Rotwein wirkt dämpfend.

 

Wenn der Tod den Tag bestimmt.

 

     Am Vormittag hatte ich nach dem Joggen eine ältere Dame auf ihrer Hunderunde getroffen. Sie wohnt vielleicht zweihundert Meter entfernt. Man grüßt sich, sucht aber kein Gespräch. Heute doch. Ich bleibe stehen. „Entschuldigen Sie, dass ich Sie anspreche. Ich fasse mir heute ein Herz und möchte Ihnen sagen, dass ich ihren Mann, der ja mit dem Hund auch immer seine Runden drehte, ewig nicht gesehen habe.“ Kaum ausgesprochen sprüht es aus ihr in traurigem Tonfall heraus: „Mein Mann ist seit sieben Jahren tot. Lungenkrebs, obwohl er Nichtraucher war, allenfalls mal in seiner Jugend geraucht hatte. Es ist sehr schnell gegangen.“ Mir bleibt fast, wie man so sagt, die Spucke weg, weil – wie ich ihr erkläre – es mir peinlich ist, nicht schon früher gefragt zu haben. „Mein aufrichtiges Beileid!“ Wir verabschieden uns. „Ihnen alles Gute!“ Im Weggehen ruft sie noch: „Bleiben Sie gesund!“ Das Thema Tod, Sterben, wird diesen Tag bestimmen.

 

Nahe am Wasser gebaut.

 

          Ein Anruf am Morgen  im Hospiz lässt es klar vermuten und es ist am Ende auch so. Ich werde einen Menschen – zusammen mit dessen gutem Freund – fast vier Stunden lang im Diakonie-Hospiz-Wannsee bis zu seinem buchstäblich letzten Atemzug begleiten. Ich werde spüren, wie das Herz dieses Mannes, der mir ans Herz gewachsen ist, zu schlagen aufhört. Ich darf ein Versprechen einlösen, von dem unsicher war, ob ich es je halten kann. „Wenn Sie sterben, bin ich bei Ihnen, Sie müssen nicht allein sein.“ Der Tod kennt keine Tages- und Nachtzeiten. Sein Kommen lässt sich erahnen, jedoch eben nicht präzise vorhersagen. Er liebt anscheinend auch Überraschungen.

 

     Es hat einen negativen Anklang, wenn man sagt, ein Mensch hauche sein Leben aus. Dabei sind die letzten Atemzüge wirklich eher ein Hauchen als das Ein- und Ausatmen jedes gesunden Menschen. Ich erlebe heute, wie nach diesem finalen Hauch in diesem nüchternen Raum im Hospiz eine irgendwie gespannte Stille herrscht. Wir müsse wohl erst einmal verstehen, dass dieser Mensch jetzt wirklich tot ist und wir mit dieser Tatsache umgehen müssen. Wir nehmen uns in den Arm, klopfen uns gegenseitig auf die Schulter. „Gut gemacht!“, sagt sein Freund. Unsere Augen sind feucht. Ich werde später von einem leitenden Mitarbeiter des Hospizes gefragt, wie es mir jetzt gehe. „Nun, das geht natürlich nicht spurlos an einem vorüber. Ich bin nahe am Wasser gebaut.“ Er entgegnet: „Wären wir nicht alle nahe am Wasser gebaut, könnten wir diesen Job nicht machen.“

 

Menschen am (absehbaren) Lebensende begleiten.

 

          Ich arbeite ehrenamtlich in der Sterbebegleitung im Diakonie-Hospiz Wannsee.(Siehe auch auf meiner Seite „Ehrenamt“.) Klaus Egerts’ Begleitung (Name geändert, frei erfunden) beginne ich vor 20 Monaten. Pankreas-Karzinom, Krebs der Bauchspeicheldrüse. Mit seiner Genehmigung darf ich darüber hier berichten. Ich breche damit also keineswegs das Schweigegelübde, das alle Ehrenamtlichen im Hospiz vor Beginn dieser Arbeit ablegen müssen. Ich kenne solche Pankreas-Fälle. Diesen Menschen blieb nach der Diagnose meist nur wenig Lebenszeit. Doch Herr Egerts lebt damit mehr als drei Jahre. „Ungewöhnlich, eigentlich ein Wunder“, erklärt ihm der behandelnde Onkologe.  „Wir hatten noch so viele schöne Momente“, sagt seine Frau nach seinem Tod. Ich besuche Herrn Egerts selten in seiner Berlin-Zehlendorfer Wohnung, weil Corona es nicht zulässt. Oft jedoch auch nicht die Folgen der Chemotherapie-Zyklen. Sie zerstören seine Darmflora, alle Schleimhäute wollen sich anscheinend auflösen, manche bluten. Er mag dann keinen Besuch empfangen.

 

     Dann hat er wieder ein paar bessere Tage, an denen wir  miteinander telefonieren, regelmäßig einmal in der Woche, fast nie unter zwei Stunden. Der Rekord steht bei geschlagenen vier Stunden, in denen jeder von uns älteren Männern, er ist 71, ich 70, manchmal hörbar den Raum wechselt. Badezimmer sind halt hallig. Wir bemerken meist beide nicht, wie die Zeit vergeht. Intellektuell begegnen wir uns auf Augenhöhe und auch wohlwollend in unseren Ansichten. Er erzählt mir von seinem Berufsleben in leitender Position beim Berliner Senat, erklärt mir, warum Dinge in dieser Stadt Berlin nicht so funktionieren, wie sie funktionieren sollten, spricht von der zu großen Eigenständigkeit und damit Macht der Bezirke und der die Effizienz von Behörden lähmenden Macht der Personalvertretungen, weil sie z.B. eine Digitalisierung von Verwaltungsvorgängen behinderten. Er hat eine halbe Ewigkeit gebraucht, um seinen Personalausweis verlängern zu lassen. Wir reden gern übers Essen, tauschen Restaurant-Tipps aus. Lukullische Genüsse darf er sich immerhin zwischen den Chemos noch gönnen. Wir hecheln durch große und kleinkarierte Politik. Ukraine-Krieg natürlich, Technik ist ein Thema: Wie kriegt man das Impfzertifikat in die Apple-Wallet, damit man es nur mit einem Doppelklick auf die Seitentaste aufrufen kann? Solche Dinge.

 

    Wiederholt echauffieren wir uns über Gendersprache, das stotternde Sprechen mit Glottisschlag (Knacklaut). Pfleger*innen. Herr Egerts schickt mir Links zum Thema. Wir mokieren uns auch über diese fürchterliche Partizip-Sprache. „Myanmars Militärregierende“, gehört im rbb24-Inforadio. Ein besonders absurdes Beispiel, stellen wir fest, ist ein Anrufbeantworter – bleibt männlich? – aus dem kirchlichen Bereich. „Liebe Anrufende…“ wird man begrüßt. Singular eigentlich, denn es telefoniert ja höchst selten ein multi-sexueller Chor. Als „Anrufende“ kann also nur eine Frau gemeint sein – oder jemand, der sich so fühlt. Aber was interessiert außer beim sexuell intendierten Telefonieren das binär-biologishe oder das gefühlte Geschlecht? Warum werden nicht alle Menschen schlicht und einfach „herzlich willkommen“ geheißen? Mir gegenüber hat ein Kirchen-Verantwortlicher einmal behauptet, es gebe für das Gendern in der Kirche keine Anweisung von oben. So? Mit welchem Recht wollen denn auch ausgerechnet die Kirchen sich anheischig machen, die deutsche Sprache zu verändern, nein, zu verhunzen? Siehe dazu auch meinen Beitrag in diesem Blog: „Genderstreit – Kulturkampf um das Sagbare.“ Hier.

 

Corona Teststation am Krankenhaus Waldfriede in Berlin.

 

 

Corona bringt Familien auseinander.

 

     Ich frage Klaus Egerts regelmäßig: „Was bewegt Sie im Augenblick besonders?“ Nachdem ich sein tiefes Vertrauen gewonnen habe, öffnet er sich immer weiter und berichtet mir aus seinem privaten Leben. Dabei bewegt, bedrückt ihn besonders das Verhältnis zu seinen drei Kindern aus erster Ehe. Diese hatte in einem fürchterlichen Rosenkrieg geendet, inklusive dem Versuch der Ex-Ehefrau, die Kinder vom Vater zu entfremden. Klaus Egerts erlebt seine Tochter als Corona-Leugnerin. Er selbst sieht Corona als Bedrohung an. Wegen der Chemo-Therapien gilt er als imunsupprimiert und gehört damit zu den Menschen mit hohem Risiko, sich zu infizieren.  Er schützt sich durch Impfen und Vorsicht. Wir tauschen uns regelmäßig über den Podcast von Christian Drosten und Sandra Ciesek aus. (Coronavirus update) Sein siebzigster Geburtstag könnte (und wird auch) sein letztes Wiegenfest sein. Er  bittet seine Tochter, wenn sie sich schon weigere, sich impfen zu lassen, doch bitte mit tagesaktuellem Test zu erscheinen. Sie komme nicht, teilt sie ihm kurzfristig überraschend mit. Das macht ihn noch lange sehr traurig.

 

Dinge am Lebensende klären.

 

     Im weiteren Verlauf seiner Erkrankung wird das Verhältnis zu seinen Kindern eine offene Wunde in seiner Seele. Menschen am Lebensende wollen, sollten Dinge klären, bereinigen, die ihr Leben bestimmt haben und die sie jetzt besonders belasten. Klaus Egerts erzählt mir, dass die Psychoonkologin im Berliner Krankenhaus Waldfriede bei einem längeren – wie sich herausstellen wird – seinem letzten Rollstuhl-Spaziergang an der frischen Luft  „sehr schnell den wunden Punkt getroffen hat“: das Verhältnis zu den Kindern. „Und ich bin ja nun einmal nahe am Wasser gebaut.“ Klaus Egerts möchte nicht in diese traurigen, ihn bedauernden Augen schauen, „sie sollen mich nicht so sehen“, ein bei Schwerstkranken nicht unübliches Denkmuster. In etwa so: „Ich war immer der Starke, der wusste, wo es langgeht, der alles geschafft hat, der den Kindern den Weg gewiesen hat – und jetzt bin ich schwach, kann mich kaum noch bewegen. Das sollen sie nicht sehen, so sollen sie mich nicht in Erinnerung behalten.“ So ähnlich meint es auch Herr Egerts und verbittet sich jegliche Besuche von seinen Kindern in Krankenhaus und Hospiz.

 

     Vorsichtig versuche ich in unseren Gesprächen, besonders in der letzten Phase, also am Krankenbett, gegenzusteuern, weil ich ja spüre, wie ihn diese Wunde schmerzt. Wenn es um solche Themen geht, werden unsere Gespräche sehr bewegend. Wir hören uns sehr aufmerksam zu. Er weist Gegenargumente nicht sofort von sich.  „Es könnte doch auch genau umgekehrt sein“, werfe ich ein, „dass nämlich Ihre Kinder sehen, mit welch großer Würde Sie ihre fortschreitende Krankheit ertragen und dass dies ein Ausdruck der Ihnen jetzt möglichen, sogar bewundernswerten Stärke ist.“ Er findet keine Lösung.

 


Verantwortung Sterbender für die Überlebenden?

 

      Ich erzähle Klaus Egerts, wie meine zweite Frau vor ihrem Tod Worte fand, die mir ein Weiterleben ungeheuer erleichtert haben. Mir ist es dabei um den in der Sterbebegleitung durchaus umstrittenen Gedanken zu tun, ob und wenn ja wie Sterbende ihren Liebsten ein den Tod und die Trauer überwindendes Weiterleben ermöglichen können. Das hätte Größe, wie ich sie erfahren durfte. Es bedeutete doch z.B., den geliebten Partner gewissermaßen freizugeben. Der Tod eines Partners ist ja, wenn man das Eheversprechen wörtlich nimmt – „bis dass der Tod Euch scheidet“ – eine Scheidung – wenn auch von beiden Eheleuten nichr gewollt, sondern durch Krankheit erzwungen.

Diese Verantwortung sehe ich allerdings nicht einseitig. Im Leben zweier Liebender ist die Leidenszeit eines Partners mit der Aussicht auf dessen unausweichlichen, nahenden Tod für beide emotional kolossal aufreibend, verstörend. Sie ist jedoch zugleich auch geprägt von äusserst innigen Momenten. Nach eigenem Erleben behaupte ich,  dass dem Sterbenden das folgende Versprechen des engsten Angehörigen psychisch beträchtlich hilft: „Ich werde über Deinen Tod nicht zerbrechen. Ich werde leben.“ Ich denke, dass die gegenteilige Ansage, dem anderen in den Tod folgen zu wollen, den Sterbenden noch zusätzlich belastet, weil ihm dies auch noch die Verantwortung für das Leben eines geliebten Menschen aufhalst.

 

     Ich berichte Herrn Egerts, dass ich in unserer 100-stündigen Ausbildung zum Sterbegleiter die aus meinem eigenen Erleben herrührende These vertreten habe, dass Sterbende auch eine gewisse Verantwortung für die Überlebenden fühlen sollten. Es stimmt zwar: „Der blaue Fleck auf unsrer Seele geht schon wieder weg“, wie Milva Zuversicht zu wecken sucht. Aber das „Hurra, wir leben noch!“ singt sich nun einmal verdammt schwer. Meine These wurde von den Ausbildern geradezu empört zurückgewiesen. „Damit dürfen Sie Sterbenden niemals kommen.“ Bei Klaus Egerts versuche ich es dennoch. „Könnte es denn sein“, kleide ich meine These vorsichtig in eine Frage, „dass Ihre Tochter, mit der Sie in letzter Zeit wegen Corona über Kreuz lagen, ihren Frieden mit Ihnen machen will und damit auch Sie zu innerer Ruhe finden könnten?“

 

          Selbst im Hospiz, seiner letzten Statio, bittet Klaus Egerts darum, außer seiner Ehefrau, seinem Freund und mir niemanden zu ihm zu lassen. Das ist für die Mitarbeiter im dort gar nicht leicht zu bewerkstelligen. In dem Fall steht die Tochter eines Tages vor der Tür und wird nach Rücksprache und mit Zustimmung von Herrn Egerts freundlich eingelassen. Es ist Ende Mai. Seine Tochter hat im Februar ein kleines Mädchen zur Welt gebracht. Er hat sein erstes Enkelkind noch nie in den Arm nehmen können. Jetzt legt sie es ihm in sein Bett und er kann seine Freude dann doch nicht verbergen. Er erzählt mir, dass ihn der Vorgang sehr aufgeregt habe. Ich gebe zu Bedenken: „Aber hat es Ihnen vielleicht doch auch gutgetan? Wo dieses ungeklärte Thema ihnen doch so sehr das Herz schwermacht?“ Ich bestärke ihn, alles Belastende aus dem Weg zu räumen, um seinen inneren Frieden zu finden. Seine Söhne haben ihn nicht mehr persönlich gesehen.

 

Ein Leben als Patient (1): Zweierlei Perspektiven.

 

     Ich habe es Klaus Egerts nie gesagt: Ich musste in diesen 20 Monaten öfter an den Film „Satte Farben vor Schwarz“ denken, in welchem Bruno Ganz und Senta Berger gemeinsam Suizid begehen. Er habe Krebs, erklärt Bruno Ganz sein etwas merkwürdiges, den Verdacht, er habe eine Geliebte, erweckendes Verhalten. Nein, er wolle sein restliches, zeitlich eng begrenztes Leben eben nicht als Patient verbringen, versucht er seiner Film-Frau Senta Berger begreiflich zu machen. Ich will hier keineswegs eine Diskussion über lebensbeendende Maßnahmen im Falle einer lebensbedrohlichen Erkrankung beginnen, und schon gar nicht irgendeinen Weg zur (vorzeitigen) Erlösung von diesem Leiden favorisieren. Ich beschreibe lediglich ein „Leben als Patient“. Ein Aspekt dieser Schilderung ist der Blick auf die Beziehung zweier sich liebender Menschen, wofür der Film ja ein Beispiel erzählt, wenn auch nicht beispielhaft sein kann. Ein Leben mit einer schweren, meist unweigerlich zum Tod führenden Krankheit ist im Leben eines Paares eine absolute Grenzsituation.

 

Aus der Perspektive des im besten Fall Gesunden.

 

     Ich berichte an dieser Stelle nicht von Klaus Egerts, sondern von Durchlebtem und Erfahrungen. . Frank und frei heraus gesagt: Das Leben mit dem geliebten, vom Tode bedrohten Menschen, der im Moment der Diagnose zum Patienten wurde, ist überaus psychisch belastend und Kräfte zehrend. Es ist geprägt von höchst zwiespältigen Gefühlen und wechselnden Stimmungen. Manche Menschen drohen dann, wenn starke Führung gefragt ist, aus Angst vor dem bevorstehendem Witwer(n)stand schon zu Lebzeiten des Erkrankten psychisch zu zerbrechen. Stark ist der Herzenswunsch, die Liebste nicht zu verlieren oder wenigstens noch viel Lebenszeit meingesteheniteinander haben zu dürfen. Das Anliegen, der Kranke möge keinen langen Leidensweg erdulden müssen, bedeutet jedoch das Gegenteil dessen, insbesondere dann, wenn der schwer Leidende womöglpch den Gedanken an lebensbeendende Maßnahmen äußert.

 

     Manchmal kommt gar Wut auf.  Darauf, dass sich das ganze, nun besonders anstrengende, manchmal allzu turbulente Leben nur noch um Krankheit dreht. Auf die olfaktorischen Veränderungen des Lebensraums, also auf diesen spezifischen Geruch von Krankheit und ihren Folgen. Am schwersten zu ertragen – natürlich für beide! – ist jedoch der fortschreitende Verfall des Körpers. Der Krebs frisst alles. Die Schönheit, die Anmut, alles, woran man sich nie hat sattsehen können. Es verflüchtigt sich der immerwährende Wunsch nach körperlicher Nähe, nach erotischem Erleben; es dürstet einen nicht mehr nach dem wunderbaren Geruch der Haut der geliebten, im Wortsinne engsten Gefährtin.

 

Der geschilderten Wut auf dem Fuße folgt schnell auch Verbitterung über das Unvermeidliche, dass also „der Tod uns scheiden“ wird. Beständig wächst die Besorgnis vor dem Leben danach, das einem als völlig leeres, weißes Blatt erscheint, das jedoch große Unsicherheit als Wasserzeichen in sich trägt. Irritierend sind ja nicht nur diese zwiespältigen Gefühle, Schwerstkranke wirken zuweilen ungeduldig, gar störrisch, wenn sie phasenweise vielleicht ihre zunehmnden körperlichen Unzulänglichkeiten nicht akzeptieren mögen, sich nicht eingestehen wollen oder können, ganz auf fremde Hilfe und entsprechende Mittel angewiesen zu sein. Ihre gelegentich zu beobachtenden, einem merkwürdig erscheinenden Anwandlungen sind nicht immer zu verstehen, müssen jedoch ertragen werden, auch wenn das manchmal allzu schwerfällt.

 

Entscheidend ist, niemals den Respekt zu verlieren und immerfort die Würde des Todgeweihten zu bewahren. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ (Art.1,1 Grundgesetz) Es ist – wie ein Hospizmotto lautet „Leben bis zuletzt.“  Das gibt mir Gelegenheit, allen Ärzten, Schwestern und Pflegern meine Hochachtung zu zollen, welche die medizinische Versorgung und vor allem Pflege Sterbender auf Palliativstationen und in Hospizen zu ihrem Beruf erkoren haben und das nicht lediglich als Job ansehen, sondern mit dem Herzen gar als Berufung empfinden.

 

Krankenhaus Waldfriede, Berlin.

Krankenhaus mit Palliativstation: Waldfriede,

 

Aus der Perspektive des Todkranken.

 

     Klaus Egerts lebt – so scheint es mir besonders in der letzten Lebensphase – noch ungleich schwerer in der verwirrenden, ihn psychisch schwer belastenden      Ambivalenz der Gedanken und Gefühle. Da ist der Wunsch nach weiterer Lebenszeit und andererseits die noch unterdrückte Einsicht, dass ihm davon nicht mehr viel beschert sein wird. Da ist die nicht ausgesprochene Angst vor dem Tod und dem Danach. Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich habe ich, als sie 93 Jahre alt war, im Interview gefragt, ob sie den Tod fürchte. Ihre Antwort: „Ist doch unerhört, nicht,  dass wir sterben müssen und nicht wissen, was nachher passiert. Obwohl alle Völker Religionen entwickelt haben, nur um bloß wissen zu können, was nachher passiert. Und doch wissen sie es nicht. Und werden es nie wissen. Natürlich. Ich finde es unerhört…“ (Hören Sie unter meinen Podcasts)

 

     Weitere Ängste und schwer auf der Seele liegende Gedanken: Die Furcht vor zunehmenden Schmerzen, vor dem völligen Verlust der Beweglichkeit, der selbständigen Lebensbewältigung und dem dann totalen Angewiesensein auf Pflege. Ein Leben „ohne Perspektive“, wie Klaus Egerts es bezeichnen wird. Der Gedanke, dies alles – wie auch immer – nicht mehr ertragen zu müssen, beschäftigt ihn weidlich. Zusätzlich diese Wirrungen: Eines Tages simst er mir von der Palliativstation im Berliner Krankenhaus Waldfriede aus, er werde morgen um 7:30 Uhr ins Franziskus-Krankenhaus gebracht. Ein schon zuvor dort vorgenommenen Eingriff im Blasen-Nierenbereich müsse sozusagen bereinigt werden. Doch ist an diesem Morgen alles anders. In der Nacht überkam ihn – um es ästhetisch verträglich zu umschreiben – heftige Übelkeit. Im Erbrochenen ist auch Blut. Statt ins Franziskus wird er im Waldfriede auf die Intensivstation verlegt. Herrn Egerts’ Patientenverfügung – „Keine Apparatemedizin“ und was man darin eben festlegen kann – muss ihre Tauglichkeit im Alltag eines Schwerst-Kranken jetzt erst noch beweisen. Er wird gefragt, ob er eine intensivmedizinische Behandlung wünsche – und bejaht.

 

     So verbringt er also ein paar Tage auf der Intensivstation, zeitweise im künstlichen Koma. Zurück auf der Palliativstation muss er sich davon erst einmal erholen. Und wieder ist da ein Zwiespalt: Er versteht die Palliativärztin so, dass sie ihm Hoffnung mache, wieder nach Hause gehen zu können. Andererseits muss er erkennen, sich immer weniger ohne fremde Hilfe aufrecht auf den Beinen halten zu können. Mit Herrn Egerts’ Genehmigung spricht die Palliativärztin auf meine Bitte hin vertraulich mit mir. Ein solcher Vorfall wie in jener Nacht dürfe sich keinesfalls wiederholen. Das könnte sein Ende sein.  Als Journalist betrachte ich dies als höchst vertrauliche Hintergrund-Information. Herr Egerts fragt auch nicht nach.

 

Leben als Patient (2): Von kurativ zu palliativ.

 

      Ich gehe in meiner Schilderung ein paar Schritte zurück. Der Krebs zehrt den Körper auf, der Mensch muss den Verfall des eigenen Körpers ertragen. „Er ist ja nur noch ein Gerippe“, stellt Klaus Egerts’ Freund am Totenbett fest. Der Krebs hat neben dem Gewichtsverlust oft noch unerwartete Weiterungen im zerstörerischen Gepäck. Klaus Egerts lernt Krankenhäuser von innen kennen – zur Diagnostik und zur stationären Behandlung, kann aber sein Leben als Patient lange Zeit immer wieder zuhause fortsetzen und am Leben teilhaben. Im Emil-von-Behrung in Berlin Zehlendorf hatte ich ihn erstmals besucht und kennengelernt. Ein Wendepunkt auf seinem Leidensweg ist schließlich die Erklärung des Onkologen nach mehreren Behandlungen von schwerer Aszites, die Chemotherapie-Zyklen als beendet zu betrachten, auch weil eine aus anderen Gründen notwendige Antibiose im Zusammenspiel beider Therapien sehr schmerzhafte Folgen im Bauchraum zeitigt. Es ist der Übergang von der kurativen zur palliativen Behandlungsweise. Herr Egerts hat es verständlicherweise so empfunden: Man erklärt mich für austherapiert, mein Ende kommt näher. Das muss er erst einmal verkraften. Aber er lebt zu dem Zeitpinkt zuhause.

 

         Der an sich kleinere Eingriff im Krankenhaus Waldfriede gegen die  Aszites  stoppt – wie beschrieben – nicht das Fortschreiten der Krebs-Erkrankung. Der „assistierte Suizid“ wird ein Thema zwischen uns, wenngleich ich glaube, dass er dies nie wirklich ernsthaft als einen für ihn gangbaren Weg in Betracht gezogen hat. Das scheidet also aus. Er hat im Gegenteil noch Hoffnung auf Rückkehr in die Häuslichkeit. Dieser Wunsch nach Entlassung aus der Palliativstation nach Hause löst schließlich einen neuen psychologischen Konflikt aus.

 

Freundlich empfangen. Diakonie-Hospiz Wannsee.

Begleitung im Sterben – Hilfe zum Leben.   Diakonie-Hospiz Wannsee

 

Hospiz oder häusliche Pflege?

Im Krankenhaus führen wir ein sehr schwieriges Gespräch. Ich darf seine Hoffnung auf Rückkehr in die Häuslichkeit nicht zerstören. Diese setze allerdings voraus, so mahnt ihn die Psychoonkologin, dass er an seiner Mobilisierung arbeite. Nun, Klaus Egerts ist eher ein Anhänger der These „Sport-ist-Mord!“. Er gehört als Technik-affiner Mensch eher zu jenen, die anderen stolz die Anzahl der vom iPhone an einem Tag gezählten Schritte nennen. Menschen, die ihr körperliches und seelisches Wohlbefinden mit täglich ungezählten Schritten fördern, begegnet er mit wohlwollendem Erstaunen, erachtet es für sich jedoch nicht als notwendig, es ihnen gleichzutun. Ich bin Zeuge, wie er der  Psychoonkologin von einem ihm gehörenden Gerät erzählt, auf das man die Beine stellen könne, worauf die Muskeln gestärkt würden. Er verträgt die Wahrheit, wie ich weiß, weshalb ich augenzwinkernd später sage: „Aber ohne wirkliche Bewegung kriegen Sie ihre atrophierten Muskeln nicht wieder auf Trapp.“ Schmunzelnd entgegnet er: „Sie müssen aber auch immer den wunden Punkt treffen.“ Wir sind in diesen 20 Monaten zweimal spazieren gewesen.

 

         Klaus Egerts will nicht ins Hospiz. Er will nach Hause, und sei es auch nur für eine kurze Zeit, das ist ihm bewusst. Zugleich zweifelt er,  ob er die wenigen Stufen zu seinem geliebten Computer-Arbeitsplatz wird bewältigen können.  „Hospiz wäre ja die letzte Station“, seufzt er und fügt hinzu: „Medizinisch wird da ja nichts mehr gemacht, die lassen es eben einfach geschehen.“ Das ist so nicht richtig, aber an dieser Stelle auch nicht wichtig. Aus seinen Worten spricht die Hoffnung und das Vertrauen darauf, dass ihm die Ärzte immer wieder, nach jeder Komplikation, die dem Krebs noch einfallen möge, ein Stück Lebenszeit schenken können. „Er hing am Leben“, werden seine Freunde anlässlich Klaus Egerts‘ Beisetzung feststellen.

 

Die Rückkehr in sein Zuhause ist von Klaus Egerts leichter erhofft als erlebt. Seine Frau ruft mich eines frühen Morgens  an, was okay ist, wir Ehrenamtlichen sind auch für Angehörige jederzeit ansprechbar. Sie habe die ganze Nacht geweint, sich auch übergeben müssen. Ich bringe ihr später ein Blumensträußchen, wir reden auf einer Bank vor ihrem Wohnhaus eine Weile, sie beruhigt sich. Sie kann, sie will ihrem Mann nicht eingestehen, ihm das schon gar nicht ins Gesicht sagen, dass sie sich nicht in der Lage sehe, ihn zuhause zu pflegen.

 

Der Ehemann erfährt es natürlich trotzdem, weil es ein Gespräch der Eheleute mit der Mitarbeiterin des Hospizes im Waldfriede geben soll, zu dem die Ehefrau nur mit gutem Zureden zu bewegen ist. Besuche am Krankenbett fallen ihr ohnehin schwer. Sie könne diesen Anblick des Leidens nicht ertragen, sagt sie mir. „Wenn ich ins Krankenhaus gehe, mache ich dies und das in dem Zimmer, um nicht am Bett sitzen zu müssen.“ Ihr Mann hingegen empfindet: „Wenn sie hier ist, verbreitet sie eine Unruhe…“  Die Angst seiner Frau vor der Pflege zuhause empfindet er als tief enttäuschende Zurückweisung, lese ich aus seinen Worten: „Ist nicht schön zu hören, dass man zuhause nicht erwünscht ist“.

 

 Ratgeber? Mit Argumenten gegen Gefühle?

 

     Ich will ihm helfen, versuche also, gegen dieses Gefühl zu argumentieren: „Ich spreche aus eigener, schmerzlicher Erfahrung mit häuslicher Final-Pflege, wie das genannt wird“, beginne ich. „Ich halte eine Menge aus. Aber danach war ich an einem Tiefpunkt meiner Kräfte. Deshalb verstehe ich jeden, der sagt, er schaffe das nicht und deshalb für ein Hospiz plädiert. Zumal ‚Hospiz’ nach der Ausbildung und dieser ehrenamtlichen Arbeit in einer solchen Einrichtung für mich gänzlich jenen Horror verloren hat, den ich einst davor hatte. Und glauben Sie mir, ich sehe meine Aufgabe hier nicht darin, dem Wannsee-Hospiz Patienten (Gäste) zuführen zu müssen. Das ist nicht nötig.“  Ich versuche es ferner mit Verweis auf den Tod der gemeinsamen Tochter, die das seit nunmehr 40 Jahren verheiratete Paar hatte. Das Kind hat bis zu seinem Lebensende mit 23 Jahre einen fast lebenslangen Leidensweg gehen müssen, dessen Ursache keiner der vielen konsultierten Ärzte herausfinden konnte. „Ob Ihre Frau ein solches Finale eines Lebens ein zweites Mal durchstehen kann?“

 

     Ich gerate in die Rolle eines Ratgebers. Steht sie mir zu? Ich gewinne aus seinem Verhalten das Gefühl, ihm gerade jetzt eine emotionale Stütze zu sein, weil er die wirklich entscheidenden Dinge gerade mit mir erörtern kann, ohne dass es zu irgendwelchen Verwerfungen bei nahen Angehörigen führt. Ich weiß, dass ich ihm auch harte Fragen stellen darf. Die Hintergrund-Information der Palliativärztin im Waldfriede bedenkend, frage ich offen: „Was ist denn, wenn Ihnen das, weshalb Sie jetzt auf der Intensivstation im Koma gelegen haben, zuhause wieder passiert?“ Seine Antwort nuschelt er: „Wieder Notarzt, Krankenhaus, Chaos.“ Wieder! Mit den Tagen wächst die Einsicht.

 

„Woran merkt man denn, dass man stirbt?“

 

     Die Frage, wie jeder Mensch den Tod erleben werde und müsse, gehört zu den schwierigsten, die man als Sterbebegleiter beantworten soll. Klaus Egerts will von mir, wohl zunächst noch auf die ersten Anzeichen des nahenden Todes gemünzt, wissen, „woran man denn merkt, dass man stibt?“ Man kann erst einmal auf die Theorie verweisen. Nach der „Mutter“ der Hospiz-Idee, der 1926 in der Schweiz geborenen und 2004 in den USA gestorbenen  Elisabeth Kübler-Ross, gibt es fünf Phasen des Sterbens.
1. Nicht-Wahrhaben-Wollen;
2. Wut (auf die Krankheit und vieles mehr);
3. Verhandeln (mit allen, die helfen könnten);
4. Depression;
5. Akzeptanz (des Unvermeidlichen.)

 

         In der fünften Phase sehe ich Klaus Egerts noch nicht. Er kommt ihr aber anscheinend näher. Ganz offensichtlich stellt er sich, wenn auch anders formuliert, die alle Menschen bewegende, Ängste auslösende und deshalb zumeist verdrängte Frage, die er in seiner Situation nun nicht länger im Unterbewusstsein verbannt halten kann: „Wie muss ich sterben?“ Mit Kübler-Ross kann man darauf schlechterdings nicht antworten. Ich ziele zunächst recht allgemein bleibend auf die ersten Anzeichen: „Ich denke, Menschen merken das auf unterschiedliche Weise, aber sie spüren es. Ich habe noch nicht so viele Sterbeprozesse miterlebt, als dass ich Ihnen eine empirisch halbwegs belegte Antwort geben könnte.“ In einem Hospiz ist es schon vorgekommen, dass ein Mann auf die Terrasse gegangen ist, um eine Zigarette zu rauchen, sich zurück in sein Bett legte und starb. Man könnte dazu makaber scherzen, und wir scherzen beide zum Glück viel, Humor am Krankenbett ist möglich und wichtig: „Steht ja auf jeder Packung Zigaretten – ‚Rauchen tötet!’“ Aber ernsthaft: Hat dieser Mann sein Ende gespürt und sich für einen letzten Lebensgenuss noch einmal aufgebäumt? Ich kann in den Gesprächen mit Klaus Egerts nicht immer eine präzise Antwort geben und manchmal ist es auch besser, im Ungefähren zu bleiben. Aber wie gesagt: Die Frage nach dem konkreten Verlauf des Lebensendes ist zutiefst mensclich. Schon einmal hat sie mir ein Herr, den ich begleitet habe, gestellt: „Wie ist es denn, wenn man stirbt?“ (Siehe auch auf meiner Website unter „Hospizarbeit konkret.

 

     Als Sterbebegleiter sollte man eine Antwort finden.Wenn es aber keine auf alle Menschen zutreffende Replik gibt?! Dann ist es eben besser, sich damit zu befassen, wie Menschen sterben wollen. Ich berichte deshalb gern von einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung im Auftrag der Körber-Stiftung. Thema: „Wie wollenwir sterben?“ (Hervorhebung: ik) Ergebnisse sind: Die meisten Menschen wollen in gewohnter Umgebung im Kreise ihrer Angehörigen sterben. Viele fürchten zu ersticken. Das ist aber höchst selten der Fall. Und natürlich will die Mehrheit der Befragten keine Schmerzen erleiden müssen. Es gibt heute gute Möglichkeiten, das zu gewährleisten. Klaus Egerts wird sie kennenlernen (müssen).

 

„Hospiz wäre ja die letzte Station!“ Blick auf ein Zimmer im Diakonie-Hospiz-Wannsee.

 

 

Die letzten fünf Tage.

Tag 1. Sonntag:

     Sehr überraschend, nachdem nun auch seine Entscheidung für das Hospiz gefallen ist, erhält Klaus Egerts einen Platz im Diakonie-Hospiz-Wannsee. Er war lange angemeldet. Ich kehre aus einem Kurzurlaub mit meiner Frau seinetwegen etwas vorzeitig zurück und besuche ihn dort sofort. Sein Zustand hat sich seit meinem letztem Besuch im Krankenhaus vor ein paar Tagen deutlich verschlechtert. Ich halte, wie es im Fachjargon heißt, „Sitzwache“, sechs Stunden lang. Schlaf- und halbwegs Wachphasen wechseln bei Herrn Egerts. „Sie wollen doch nach Hause“, sagt er irgendwann mit schwacher Stimme zu mir. Klaus Egerts ist ein so fürsorglicher, rücksichtsvoller Mensch, der meine Begleitung nie als etwas Selbstverständliches ansieht. “Nein, ich bleibe jetzt länger bei Ihnen, ich bin einfach da!“ Mal schläft er. Dann verlangt er plötzlich nach Wasser, Tee oder gar Cola, isst aber nichts mehr. Zeitweilig beobachte ich seinen Atemrhythmus. Mal sieben, mal zehn, aber auch mal 20 Sekunden zwischen den deutlich hörbaren Atemzügen. Wir verabschieden uns mit kräftigem Händedruck, tauschen jedoch dabei keine besonderen Worte aus. Es sind eher unsichere Blicke. Er fragt allerdings am Ende jedes Besuchs: „Wann sehen wir uns wieder?“ Ich versprechen, morgen wiederzukommen. „Wie immer so gegen 14 Uhr?“
„Ja, gern!“ Sein Blick wirkt auf mich, als zweifle er, ob es dieses Morgen für ihn geben wird. Auch ich bin unsicher.

 

 Tag 2. Montag:

 

     Zustand etwas besser. Wir können miteinander reden. Manchmal japst er beim Sprechen längerer Sätze etwas nach Luft. Er drückt seine Dankbarkeit für meine Begleitung aus. Das ist es, was mich an dieser Arbeit motiviert, diese tiefe Dankbarkeit, die ich ernten darf. Ich hatte ihm schon im Krankenhaus versichert, dass ich ihm für diese gemeinsame Zeit sehr dankbar bin, dafür, dass ich diese spannenden Gespräche erleben durfte, dass ich viel von ihm gelernt habe, dass ich ihm vor allem sehr für das tiefe Vertrauen danke, das er mir geschenkt hat. Ich füge hinzu: „Wären wir uns unter anderen Umständen begegnet, wären wir sicher sehr gute Freunde geworden.“ Resignierend entgegnet er: „Ja. Das Leben lief anders“. Wir bleiben übrigens bis zum letzten Wortwechsel beim „Sie“, und das ist gut so.

 

 Tag 3. Dienstag:

 

     Es geht ihm besser. Wir führen ein sehr intensives, bewegendes Gespräch. Er wünscht sich eine so genannte „Palliative Sedierung„, bei der Patienten sehr starke Mittel bekommen, die man insbesondere bei „nicht stillbaren Schmerzen“ gibt. Der Palliativarzt ist im Haus, kommt herein. „Soll ich rausgehen?“, frage ich, was Klaus Egerts bejaht und mir im Hinausgehen zuruft: „Wir reden auch nicht schlecht über Sie!“ Der Arzt erklärt ihm, dass diese Sedierung einen gewissen Genehmigungs-Vorlauf habe, der 14 Tage dauern könne. Ich habe den Wahrheitsgehalt dieser Aussage nicht weiter recherchiert. Bevor ich wieder ins Zimmer gehe, stelle ich dem Mediziner die Frage aller Fragen: „Wie viel Zeit hat er noch?“ Ich verstehe, dass Ärzte solche Prognosen nicht geben können oder wollen, Vermutungen eher scheuen: „Vielleicht Tage, vielleicht drei Wochen.“ Nachdem ich aber, zurück im Zimmer, höre, was der Arzt Klaus Egerts auf seinen Wunsch hin entgegnet hat, vermute ich, dass er der Meinung ist, eine Art Palliative Sedierung könnte wegen sich plötzlich enorm verstärkender Schmerzen ohnehin notwendig werden. Ich spekuliere, ohne es auszusprechen, dass er Herrn Egerts’ Lebenserwartung äußerst gering einschätzt, dies aber dem Patienten, Gast, wie man im Hospiz sagt, nicht offenbaren will.

 

      Klaus Egerts und ich reden lange über das Sedierungs-Thema. Ich versuche herauszufinden, es ihm vielleicht selbst bewusst werden zu lassen, warum er das will: „Wollen Sie das, weil es Ihnen nicht gelingen mag, vom Leben innerlich Abschied zu nehmen, loszulassen, Ihr womöglich sehr nahes Ende zu akzeptieren?“ Stille. „Oder ist es die Sorge vor noch schlimmeren Schmerzen?“ Die Pumpe mit Schmerzen lindernden Mitteln hatte er schon im Krankenhaus Waldfriede bekommen. Sie gibt in bestimmten Abständen einen sirrenden Ton ab, wenn wieder etwas Wirkstoff durch den Port in die Vene gespritzt wird. In begrenztem Umfang kann er auch manuell „nachschießen“.  Er seufzt. „Es ist, weil das Leben so keine Perspektive mehr hat.“ Das ist ein Wendepunkt. Kurz gesagt: Er will nicht mehr. Sein Lebenswille schwindet. Er lässt los, formulieren manche. Elisabeth Kübler-Ross würde wohl konstatieren, Phase fünf des Sterbens habe begonnen: Akzeptanz. Erstaunlich, wie kurz diese Phase sein kann, werde ich noch feststellen.

 

 .  In unserem Gespräch, in dem Herr Egerts immer wieder um Wasser oder Tee bittet, äußere ich Verständnis für seinen Wunsch nach Palliativer Sedierung, entgegne jedoch auch mit klaren Worten, wie wir es miteinander glücklicherweise gewohnt sind: „Diese Palliative Sedierung wird Sie nicht ins Jenseits befördern. Das ist kein ‚Assistierter Suizid‘!“ Später lese ich, dass die Zahl der in den Niederlanden erlaubten Assistierten Suizide drastisch zurückgegangen sei, weil man mehr und mehr Palliative Sedierungen vornehme, die das Eintreten des Todes jedoch nicht zwangsläufig beschleunigten, jedenfalls wohl eher selten. Meine Spekulation über Herrn Egerts‘ bevorstehendes, nahes Ende versuche ich in vorsichtiger Frageform vorzutragen. Ich druckse herum, ob es denn vielleicht sein könne, dass es dieser Sedierung gar nicht mehr bedürfe, der Arzt vielleicht mit seiner Bemerkung zum Procedere nur Zeit gewinnen wolle?

 

     Ich frage Herrn Egerts, ob ich über unsere Zeit miteinander auf meiner Website – selbstverständlich mit verändertem Namen – schreiben dürfe, was er deutlich bejaht. Dann gestehe ich ihm noch, dass ich ganz unsicher sei, wie ich mich heute verabschieden solle. „Sie sind müde. Wenn Sie jetzt einschlafen, könnten Sie ja auch entschlafen. Ich weiß auch nicht, ob ich Ihnen das vielleicht sogar wünschen sollte. Aber ganz sicher möchte ich Sie doch morgen gern wiedersehen. Ich sage deshalb wohl am besten einfach nur ‚Tschüss!’“ Darauf er, ohne zu zögern: „Okay. Tschüss!“

 

   Tag 4. Mittwoch:

 

     Meine Spekulation war richtig. Klaus Egerts hat am Morgen sehr starke, der Pfleger sagt „unstillbare“ Schmerzen, weshalb er nun eine stark erhöhte Dosis Schmerzmittel bekomme. Er schläft viel, hat schon eine, wenn auch regelmäßige Schnappatmung. Das klingt sehr leidend und sieht auch so aus. Zeitweise ballt er links eine Faust und legt sie auf sein linkes Schlüsselbein. Ich deute diesen so krampfhaft angewinkelten Arm als Angstgeste. Oder ob er sich mit dem vielen Morphin in einer Art Delirium befindet? Merkt er womöglich, dass der Tod ganz nahe ist? Ich frage ihn, ob er Schmerzen habe und sehe ein kaum merkliches Kopfschütteln. Er nimmt mich also wahr. Nach diesen drei Stunden Sitzwache frage ich ihn, ob ich mich zurückziehen solle. Kaum merkliches Kopfnicken. „Ok, dann sage ich jetzt ‚tschüss!’“. Darauf vernehme ich – seine Stimme ist sehr schwach, aber deutlich hörbar – das einzige Wort, das ihm an diesem Tage offenbar noch möglich ist. Es wird sich herausstellen, dass es überhaupt sein letztes Wort zu mir sein wird: „Tschüss!“ Ich zweifle noch stärker als gestern, dass ich ihn morgen wiedersehen werde.

 

     Tag 5. Donnerstag:

 

    Ich wache auf und fühle Unruhe, erkundige mich telefonisch im Hospiz nach Klaus Egerts’ Befinden. Weiter verschlechtert, Schnappatmung, Atemaussetzer. Ich frage seine Frau, ob und gegebenenfalls wann sie – wieder zusammen mit seinem  Freund – ins Hospiz fahren wolle.  „Gegen 11 Uhr.“ OK. Ich habe also Zeit, gehe zu dem für Mitarbeiter und Ehrenamtliche des Hospizes obligatorischen Corona-Test, jogge in langsamem Tempo fast zwei Stunden, um mir Kraft zu holen für das, was kommen wird. Ich denke die ganze Zeit, wie überhaupt oft in den letzten Tagen, an Klaus  Egerts, hoffe, wie erwähnt, dass ich mein ihm gegebenes Versprechen einlösen kann, ihn bis zu seinem letzten Lebensmoment begleiten zu wollen. Hoffentlich komme ich nicht zu spät. Andererseits muss es ja auch nicht unbedingt sein. Manche Menschen sterben gerade dann, wenn während des Sterbeprozesses anwesende Angehörige eben mal kurz frische Luft schnappen wollen und den Raum verlassen.

 

          Gegen Mittag treffe ich im Hospiz ein. Zusammen mit Klaus Egerts‘ Freund erlebe ich die letzten knapp vier Stunden im Leben des Mannes, den ich seit fast 20 Monaten begleite. Die Ehefrau kann das Sterben ihres Mannes nicht ertragen, was ich nach ihrer hier teils beschriebenen Lebensgeschichte verstehe. Den letzten Kuss, das ist ihr klar, hat sie ihm heute gegeben. Sein Freund und ich sitzen etwas entfernt vom Bett. Immer wieder stehe ich auf, gehe nahe ans Bett heran, weil ich seinen Atem kaum noch zu hören meine. Ich nehme seine Hand und drücke sie, keine Reaktion mehr. Die Augen bleiben geschlossen. Wir setzen uns ein wenig auf der Terrasse vor dem Zimmer in die Sonne. Die Zeit vergeht.

 

     Es ist Nachmittag. Die Atemzüge  werden immer seltener und schwächer. Erneut stehe ich am Bett, nehme wieder Klaus Egerts’ schon ganz kalte Hand und bitte seinen Freund, die andere zu nehmen. „Ich glaube, jetzt geht er“, sagt dieser. Eine Schwester kommt herein. Ich gebe ihr ein Zeichen, das bedeuten soll „Bitte jetzt nicht.“ Sie geht wieder. Meine Hand berührt Klaus Egerts’ Bauchschlagader. Als er kaum noch atmet, spüre ich dort noch Puls, die Arme sind viel zu dünn dafür. Doch als der Atem versiegt, beendet kurz darauf auch das Herz seine fast zweiundsiebzig Jahre währende Arbeit. Sein Freund streicht ihm über den Kopf. „Mach’s gut, Klaus, Du warst ein guter Mensch, ein toller Freund. Ruh‘ Dich aus!“ Ich stelle erfreut fest, wie friedlich Klaus Egerts aus dem Leben gehen durfte. Seine kalte Hand noch einmal kräftig drückend flüstere ich mehrfach „Danke“ und wieder und wieder, als wolle ich nicht wahrhaben, dass ich mich für immer von Klaus Egerts verabschieden muss: „Tschüss!“ 

 

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Über eine weitere Begleitung berichte ich auf der Biografie-Website des Berliner Foto-Journalisten Paul Glaser. Lesen Sie hier.

Spendenaufruf…

Das Hospiz Wannsee finanziert sich teilweise aus Spenden. Näheres auf der Website. Hier.

Literaturhinweis:

   Marilyn  und Irvin D. Yalom: Unzertrennlich. Über den Tod und das Leben, erschienen bei Penguin/Randomhouse, auch als Taschenbuch erhältlich. Als Hörbuch kann man sich das Werk auch von den wunswrbaren Walter Kreye und Sabine Wegner vorlesen lassen. Im Verlagstext heißt es: „Irvin D. Yalom ist einer der angesehensten Psychotherapeuten Amerikas, am 13. Juni 2021 wurde er neunzig Jahre alt. Er gilt als Klassiker der existentiellen Psychotherapie, seine Lehrbücher und Romane erscheinen weltweit und erreichen Millionen. Seine Frau Marilyn Yalom, eine renommierte Kulturwissenschaftlerin und Autorin, starb im Herbst 2019 nach 65jähriger Ehe. Als klar war, dass ihre Krankheit zum Tode führen würde, begannen beide ein Buch zu schreiben – das am Ende Irvin D. Yalom alleine fertigstellen musste.“ Ich mag das Buch vor allem, weil es Irvin Yalom gelingt, das scheinbar aussichtslose in Angriff zu nehmen und peu à peu aufzubauen: Das Leben nach dem Tod seiner überaus geliebten Marylin. Ihr Schicksal ist ähnlich dem von Klaus Egerts, die wechselseitige Schilderung dessen ebenso bewegend. Allerdings entscheidet sie sich für einen assistierten Suizid, als sie ihr Leiden als unerträglich erachtete. Ihr Mann Irvin hat große Schwierugkeiten, diese Entscheidung und ihre Konsequenzen zu akzeptieren, mit ihnen umzugehen. Aber er schafft es. Deshalb ist dies bei aller Tragik ein optimistisches Buch, das allen, die einen geliebten Partner verlieren werden oder bereits verloren haben, Mut machen und Zuversicht vermitteln kann.  -ika-HOME RADIO IHR MODERATOR EHRENAMT ÜBER MICH BLOG

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