• Ingo Kahle

Über ehrenamtliche Arbeit im Hospiz.

 

© Text und Foto: Ingo Kahle 2022

     Ich sitze in meinem Schaukelstuhl am offenen Fenster in meiner Wohnung im zweiten Stock. Die Sonne wärmt mich. Auch mein Herz, das schwer ist. Unten im Garten spielen die Kinder, toben, lärmen. Manchmal weint eines, weil es sich wehgetan hat. „Mama!“ Kinder können ihr plötzliches, tiefes Leid so herzzerreißend aus sich herauspressen. Doch der Schmerz ist nach Mamas Trostspende meist schnell vergessen. Ich schaue kurz aus dem Fenster und sehe ein gut vierjähriges Mädchen jauchzend auf dem Trampolin herumhüpfen. „Fang mich doch, Eierloch!“ Mein Herz hüpft vor Freude mit. Es ist das blühende, unbeschwerte Leben. Wunderbar.

     Mir ist nach Musik. Laut höre ich Andrea Bocelli, Amazing Grace – Music for Hope. Das passt zu meiner Stimmung. Anschließend Milva, Hurra, wir leben noch! „Wie stark ist der Mensch“, fragt sie. „Ist er überhaupt so stark, wie er oft glaubt? Wie viel Ängste, wie viel Druck kann er ertragen?“ Ich singe, wohl eher gröle beim Refrain mit, Tränen fließen. „Hurra, wir leben noch / Was mussten wir nicht alles übersteh’n? / Und leben noch. / Was ließen wir nicht über uns ergehen? / Der blaue Fleck auf unsrer Seele geht schon wieder weg / Wir leben noch.“ Dann ist es gut. Rotwein wirkt dämpfend.

 

Wenn der Tod den Tag bestimmt.

 

     Am Vormittag hatte ich nach dem Joggen eine ältere Dame auf ihrer Hunderunde getroffen. Sie wohnt vielleicht zweihundert Meter entfernt. Man grüßt sich, sucht aber kein Gespräch. Heute doch. Ich bleibe stehen. „Entschuldigen Sie, dass ich Sie anspreche. Ich fasse mir heute ein Herz und möchte Ihnen sagen, dass ich ihren Mann, der ja mit dem Hund auch immer seine Runden drehte, ewig nicht gesehen habe.“ Kaum ausgesprochen sprüht es aus ihr in traurigem Tonfall heraus: „Mein Mann ist seit sieben Jahren tot. Lungenkrebs, obwohl er Nichtraucher war, allenfalls mal in seiner Jugend geraucht hatte. Es ist sehr schnell gegangen.“ Mir bleibt fast, wie man so sagt, die Spucke weg, weil – wie ich ihr erkläre – es mir peinlich ist, nicht schon früher gefragt zu haben. „Mein aufrichtiges Beileid!“ Wir verabschieden uns. „Ihnen alles Gute!“ Im Weggehen ruft sie noch: „Bleiben Sie gesund!“ Das Thema Tod, Sterben, wird diesen Tag bestimmen.

 

Nahe am Wasser gebaut.

 

          Ein Anruf am Morgen  im Hospiz lässt es klar vermuten und es ist am Ende auch so. Ich werde einen Menschen – zusammen mit dessen gutem Freund – fast vier Stunden lang im Diakonie-Hospiz-Wannsee bis zu seinem buchstäblich letzten Atemzug begleiten. Ich werde spüren, wie das Herz dieses Mannes, der mir ans Herz gewachsen ist, zu schlagen aufhört. Ich darf ein Versprechen einlösen, von dem unsicher war, ob ich es je halten kann. „Wenn Sie sterben, bin ich bei Ihnen, Sie müssen nicht allein sein.“ Der Tod kennt keine Tages- und Nachtzeiten. Sein Kommen lässt sich erahnen, jedoch eben nicht präzise vorhersagen. Er liebt anscheinend auch Überraschungen.

 

     Es hat einen negativen Anklang, wenn man sagt, ein Mensch hauche sein Leben aus. Dabei sind die letzten Atemzüge wirklich eher ein Hauchen als das Ein- und Ausatmen jedes gesunden Menschen. Ich erlebe heute, wie nach diesem finalen Hauch in diesem nüchternen Raum im Hospiz eine irgendwie gespannte Stille herrscht. Wir müsse wohl erst einmal verstehen, dass dieser Mensch jetzt wirklich tot ist und wir mit dieser Tatsache umgehen müssen. Wir nehmen uns in den Arm, klopfen uns gegenseitig auf die Schulter. „Gut gemacht!“, sagt sein Freund. Unsere Augen sind feucht. Ich werde später von einem leitenden Mitarbeiter des Hospizes gefragt, wie es mir jetzt gehe. „Nun, das geht natürlich nicht spurlos an einem vorüber. Ich bin nahe am Wasser gebaut.“ Er entgegnet: „Wären wir nicht alle nahe am Wasser gebaut, könnten wir diesen Job nicht machen.“

 

Menschen am (absehbaren) Lebensende begleiten.

 

          Ich arbeite ehrenamtlich in der Sterbebegleitung im Diakonie-Hospiz Wannsee. (Siehe auch auf meiner Seite „Ehrenamt“.) Klaus Egerts’ Begleitung (Name geändert, frei erfunden) beginne ich vor 20 Monaten. Pankreas-Karzinom, Krebs der Bauchspeicheldrüse. Mit seiner Genehmigung darf ich darüber hier berichten. Ich breche damit also keineswegs das Schweigegelübde, das alle Ehrenamtlichen im Hospiz vor Beginn dieser Arbeit ablegen müssen. Ich kenne solche Pankreas-Fälle. Diesen Menschen blieb nach der Diagnose meist nur wenig Lebenszeit. Doch Herr Egerts lebt damit mehr als drei Jahre. „Ungewöhnlich, eigentlich ein Wunder“, erklärt ihm der behandelnde Onkologe.  „Wir hatten noch so viele schöne Momente“, sagt seine Frau nach seinem Tod. Ich besuche Herrn Egerts selten in seiner Berlin-Zehlendorfer Wohnung, weil Corona es nicht zulässt. Oft jedoch auch nicht die Folgen der Chemotherapie-Zyklen. Sie zerstören seine Darmflora, alle Schleimhäute wollen sich anscheinend auflösen, manche bluten. Er mag dann keinen Besuch empfangen.

 

     Dann hat er wieder ein paar bessere Tage, an denen wir  miteinander telefonieren, regelmäßig einmal in der Woche, fast nie unter zwei Stunden. Der Rekord steht bei geschlagenen vier Stunden, in denen jeder von uns älteren Männern, er ist 71, ich 70, manchmal hörbar den Raum wechselt. Badezimmer sind halt hallig. Wir bemerken meist beide nicht, wie die Zeit vergeht. Intellektuell begegnen wir uns auf Augenhöhe und auch wohlwollend in unseren Ansichten. Er erzählt mir von seinem Berufsleben in leitender Position beim Berliner Senat, erklärt mir, warum Dinge in dieser Stadt Berlin nicht so funktionieren, wie sie funktionieren sollten, spricht von der zu großen Eigenständigkeit und damit Macht der Bezirke und der die Effizienz von Behörden lähmenden Macht der Personalvertretungen, weil sie z.B. eine Digitalisierung von Verwaltungsvorgängen behinderten. Er hat eine halbe Ewigkeit gebraucht, um seinen Personalausweis verlängern zu lassen. Wir reden gern übers Essen, tauschen Restaurant-Tipps aus. Lukullische Genüsse darf er sich immerhin zwischen den Chemos noch gönnen. Wir hecheln durch große und kleinkarierte Politik. Ukraine-Krieg natürlich, Technik ist ein Thema: Wie kriegt man das Impfzertifikat in die Apple-Wallet, damit man es nur mit einem Doppelklick auf die Seitentaste aufrufen kann? Solche Dinge.

 

     Wir ärgern uns gemeinsam immer wieder übers Gendern, das stotternde Sprechen mit Glottisschlag (Knacklaut). Pfleger*innen. Wir amüsieren uns; Wenn aus dem Kneipier (generisches Maskulinum) eine Kneipier*in wird. Beim Kneipier durfte der Mann sein Bier trinken – aber was, wenn er beichtet, er sei bei der  Kneipier*in gewesen? Herr Egerts schickt mir Links zum Thema. Wir mokieren uns über diese fürchterliche Partizip-Sprache. Ich erzähle ihm, dass in der Diakonie allgemein gegendert werde, obwohl manche behaupten, dafür gebe es keine Anweisung. Warum ausgerechnet die Kirchen sich zur Aufgabe machen, die deutsche Sprache verändern zu sollen, erschließt sich uns beiden ohnehin nicht.

 

     Es stört unser Sprachempfinden, wenn der Anrufbeantworter – der Begriff darf ja männlich bleiben, weil es ein Gerät ist – wenn dieser AB Anrufer auf der Nummer einer kirchen-nahen Einrichtung eine Zeitlang als „Liebe Anrufenden!“, begrüßt, was nunmehr in „Liebe Anrufende“ geändert ist. Anstatt einfach „Herzlich willkommen…“ zu sagen. In der DDR meldeten sich Teilnehmer in Behörden meist mit „Anrufer!?“ Ich stelle mir vor, sie würden heute auch wie damals in einem Kommando-Ton „Anrufende!“ sagen. Da der rot-grün-rote Berliner Senat gendert, würden sie damit den Plural meinen, jedoch eigentlich nur die Frauen ansprechen, wenn man „Anrufende“ als Singular versteht, was ja sinnvoll ist, weil schließlich am anderen Ende meist nur eine Person ein Telefon in der Hand hat. Es ist einfach absurd, stellen wir wiederholt fest und echauffieren uns.

 

Corona bringt Familien auseinander.

 

     Ich frage Klaus Egerts regelmäßig: „Was bewegt Sie im Augenblick besonders?“ Nachdem ich sein tiefes Vertrauen gewonnen habe, öffnet er sich immer weiter und berichtet mir aus seinem privaten Leben. Dabei bewegt, bedrückt ihn besonders das Verhältnis zu seinen drei Kindern aus erster Ehe. Diese hatte in einem fürchterlichen Rosenkrieg geendet, inklusive dem Versuch der Ex-Ehefrau, die Kinder vom Vater zu entfremden. Klaus Egerts erlebt seine Tochter als Corona-Leugnerin. Er selbst sieht Corona als Bedrohung an. Wegen der Chemo-Therapien gilt er als imunsupprimiert und gehört damit zu den Menschen mit hohem Risiko, sich zu infizieren.  Er schützt sich durch Impfen und Vorsicht. Wir tauschen uns regelmäßig über den Podcast von Christian Drosten und Sandra Ciesek aus. (Coronavirus update) Sein siebzigster Geburtstag könnte (und wird auch) sein letztes Wiegenfest sein. Er  bittet seine Tochter, wenn sie sich schon weigere, sich impfen zu lassen, doch bitte mit tagesaktuellem Test zu erscheinen. Sie komme nicht, teilt sie ihm kurzfristig überraschend mit. Das macht ihn noch lange sehr traurig.

 

Dinge am Lebensende klären.

 

     Im weiteren Verlauf seiner Erkrankung wird das Verhältnis zu seinen Kindern eine offene Wunde in seiner Seele. Menschen am Lebensende wollen, sollten Dinge klären, bereinigen, die ihr Leben bestimmt haben und die sie jetzt besonders belasten. Klaus Egerts erzählt mir, dass die Psychoonkologin im Berliner Krankenhaus Waldfriede bei einem längeren – wie sich herausstellen wird – seinem letzten Rollstuhl-Spaziergang an der frischen Luft  „sehr schnell den wunden Punkt getroffen hat“: das Verhältnis zu den Kindern. „Und ich bin ja nun einmal nahe am Wasser gebaut.“ Klaus Egerts möchte nicht in diese traurigen, ihn bedauernden Augen schauen, „sie sollen mich nicht so sehen“, ein bei Schwerstkranken nicht unübliches Denkmuster. In etwa so: „Ich war immer der Starke, der wusste, wo es langgeht, der alles geschafft hat, der den Kindern den Weg gewiesen hat – und jetzt bin ich schwach, kann mich kaum noch bewegen. Das sollen sie nicht sehen, so sollen sie mich nicht in Erinnerung behalten.“ So ähnlich meint es auch Herr Egerts und verbittet sich jegliche Besuche von seinen Kindern in Krankenhaus und Hospiz.

 

     Vorsichtig versuche ich in unseren Gesprächen, besonders in der letzten Phase, also am Krankenbett, gegenzusteuern, weil ich ja spüre, wie ihn diese Wunde schmerzt. Wenn es um solche Themen geht, werden unsere Gespräche sehr bewegend. Wir hören uns sehr aufmerksam zu. Er weist Gegenargumente nicht sofort von sich.  „Es könnte doch auch genau umgekehrt sein“, werfe ich ein, „dass nämlich Ihre Kinder sehen, mit welch großer Würde Sie ihre fortschreitende Krankheit ertragen und dass dies ein Ausdruck der Ihnen jetzt möglichen, sogar bewundernswerten Stärke ist.“ Er findet keine Lösung.

 

Verantwortung der Sterbenden für die Überlebenden?

 

     Ich erzähle Klaus Egerts, wie meine zweite Frau vor ihrem Tod Worte fand, die mir ein Weiterleben ungeheuer erleichtert haben. Mir ist es dabei um den in der Sterbebegleitung durchaus umstrittenen Gedanken zu tun, ob und wenn ja wie Sterbende ihren Liebsten ein den Tod und die Trauer überwindendes Weiterleben ermöglichen können. Das hätte Größe, wie ich sie erfahren durfte. Es bedeutete doch z.B., den geliebten Partner gewissermaßen freizugeben. Der Tod eines Partners ist ja, wenn man das Eheversprechen wörtlich nimmt – „bis dass der Tod Euch scheidet“ – eine Scheidung – wenn auch von beiden Eheleuten nichr gewollt, sondern durch Krankheit erzwungen.

 

Diese Verantwortung sehe ich allerdings nicht einseitig. Im Leben zweier Liebender ist die Leidenszeit eines Partners mit der Aussicht auf dessen unausweichlichen, nahenden Tod für beide emotional kolossal aufreibend, verstörend. Sie ist jedoch zugleich auch geprägt von äusserst innigen Momenten. Nach eigenem Erleben behaupte ich,  dass dem Sterbenden das folgende Versprechen des engsten Angehörigen psychisch beträchtlich hilft: „Ich werde über Deinen Tod nicht zerbrechen. Ich werde leben.“ Ich denke, dass die gegenteilige Ansage, dem anderen in den Tod folgen zu wollen, den Sterbenden noch zusätzlich belastet, weil ihm dies auch noch die Verantwortung für das Leben eines geliebten Menschen aufhalst.

 

     Ich berichte Herrn Egerts, dass ich in unserer 100-stündigen Ausbildung zum Sterbegleiter die aus meinem eigenen Erleben herrührende These vertreten habe, dass Sterbende auch eine gewisse Verantwortung für die Überlebenden fühlen sollten. Es stimmt zwar: „Der blaue Fleck auf unsrer Seele geht schon wieder weg“, wie Milva Zuversicht zu wecken sucht. Aber das „Hurra, wir leben noch!“ singt sich nun einmal verdammt schwer. Meine These wurde von den Ausbildern geradezu empört zurückgewiesen. „Damit dürfen Sie Sterbenden niemals kommen.“ Bei Klaus Egerts versuche ich es dennoch. „Könnte es denn sein“, kleide ich meine These vorsichtig in eine Frage, „dass Ihre Tochter, mit der Sie in letzter Zeit wegen Corona über Kreuz lagen, ihren Frieden mit Ihnen machen will und damit auch Sie zu innerer Ruhe finden könnten?“

 

          Selbst im Hospiz, seiner letzten Statio, bittet Klaus Egerts darum, außer seiner Ehefrau, seinem Freund und mir niemanden zu ihm zu lassen. Das ist für die Mitarbeiter im dort gar nicht leicht zu bewerkstelligen. In dem Fall steht die Tochter eines Tages vor der Tür und wird nach Rücksprache und mit Zustimmung von Herrn Egerts freundlich eingelassen. Es ist Ende Mai. Seine Tochter hat im Februar ein kleines Mädchen zur Welt gebracht. Er hat sein erstes Enkelkind noch nie in den Arm nehmen können. Jetzt legt sie es ihm in sein Bett und er kann seine Freude dann doch nicht verbergen. Er erzählt mir, dass ihn der Vorgang sehr aufgeregt habe. Ich gebe zu Bedenken: „Aber hat es Ihnen vielleicht doch auch gutgetan? Wo dieses ungeklärte Thema ihnen doch so sehr das Herz schwermacht?“ Ich bestärke ihn, alles Belastende aus dem Weg zu räumen, um seinen inneren Frieden zu finden. Seine Söhne haben ihn nicht mehr persönlich gesehen.

 

Ein Leben als Patient (1): Zweierlei Perspektiven.

 

     Ich habe es Klaus Egerts nie gesagt: Ich musste in diesen 20 Monaten öfter an den Film „Satte Farben vor Schwarz“ denken, in welchem Bruno Ganz und Senta Berger gemeinsam Suizid begehen. Er habe Krebs, erklärt Bruno Ganz sein etwas merkwürdiges, den Verdacht, er habe eine Geliebte, erweckendes Verhalten. Nein, er wolle sein restliches, zeitlich eng begrenztes Leben eben nicht als Patient verbringen, versucht er seiner Film-Frau Senta Berger begreiflich zu machen. Ich will hier keineswegs eine Diskussion über lebensbeendende Maßnahmen im Falle einer lebensbedrohlichen Erkrankung beginnen, und schon gar nicht irgendeinen Weg zur (vorzeitigen) Erlösung von diesem Leiden favorisieren. Ich beschreibe lediglich ein „Leben als Patient“. Ein Aspekt dieser Schilderung ist der Blick auf die Beziehung zweier Menschen, wofür der Film ja ein Beispiel erzählt, wenn auch nicht beispielhaft sein kann. Ein Leben mit einer schweren, meist unweigerlich zum Tod führenden Krankheit zehrt in der Tat an den Nerven beider Ehepartner.

 

      Aus der Perspektive des im besten Fall Gesunden betrachtet: Zu wissen, der Partner werde sterben, ist überaus belastend. Manche drohen wegen der Angst vor der Leere schon zu Lebzeiten des Erkrankten zu zerbrechen. Ich selbst musste erfahren, wovon ich jetzt rede. Da ist der tiefe Wunsch, die Liebste möge nicht leiden müssen. Das führt, wenn man ehrlich ist, unweigerlich auch zu Gedanken an lebensbeendende Maßnahmen, Mord selbstverständlich ausgeschlossen. Da gibt es sogar Wut. Darauf, dass sich das ganze Leben nur noch um Krankheit dreht, auf die olfaktorischen Veränderungen des Lebensraums, also diesen spezifischen Geruch von Krankheit und ihren Folgen. Schwer erträglich ist  dieser Anblick des verfallenden Körpers, dessen Formen man doch so geliebt hat, die Quelle wonniger Erregung waren.

 

Das ist der richtige Moment in diesem Text, um meine Hochachtung allen Menschen zu zollen, die die Pflege und medizinische Betreuung Sterbender auf Palliativstationen oder in Hospizen zu ihrem Beruf erkoren haben und das nicht lediglich als Job sehen, sondern mit dem Herzen gar als Berufung. Wenn ich zuvor von Wut auf dieses Leben mit einem Patienten sprach: Ihr folgt sofort auch die Angst vor dem Verlust auf dem Fuße, davor also, dass „der Tod uns scheidet“, sowie vor dem Leben danach, das einem als völlig weißes, leeres Blatt erscheint, das jedoch große Unsicherheit als Wasserzeichen in sich trägt. Von all dem ist Klaus Egerts’ Frau natürlich nicht frei. Dieser Zwiespalt belastet sie erheblich.

 

Aus der Perspektive des Sterbenden: Klaus Egerts lebt – so scheint es mir besonders in der letzten Lebensphase – noch ungleich schwerer in der verwirrenden, ihn psychisch schwer belastenden Ambivalenz der Gedanken und Gefühle. Da ist der Wunsch nach weiterer Lebenszeit und andererseits die noch unterdrückte Einsicht, dass ihm davon nicht mehr viel beschert sein wird. Da ist die nicht ausgesprochene Angst vor dem Tod und dem Danach. Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich habe ich, als sie 93 Jahre alt war, im Interview gefragt, ob sie den Tod fürchte. Ihre Antwort: „Ist doch unerhört, nicht,  dass wir sterben müssen und nicht wissen, was nachher passiert. Obwohl alle Völker Religionen entwickelt haben, nur um bloß wissen zu können, was nachher passiert. Und doch wissen sie es nicht. Und werden es nie wissen. Natürlich. Ich finde es unerhört…“ (Hören Sie unter meinen Podcasts)

 

    Weitere Ängste, schwer auf der Seele liegende Gedanken: Die Furcht vor zunehmenden Schmerzen, vor dem völligen Verlust der Beweglichkeit, der selbständigen Lebensbewältigung und dem dann totalen Angewiesensein auf Pflege. Ein Leben „ohne Perspektive“, wie Klaus Egerts es bezeichnen wird. Der Gedanke, dies alles – wie auch immer – nicht mehr ertragen zu müssen, beschäftigt ihn weidlich. Zusätzlich diese Wirrungen: Eines Tages simst er mir von der Palliativstation im Berliner Krankenhaus Waldfriede aus, er werde morgen um 7:30 Uhr ins Franziskus-Krankenhaus gebracht. Ein schon zuvor dort vorgenommenen Eingriff im Blasen-Nierenbereich müsse sozusagen bereinigt werden. Doch ist an diesem Morgen alles anders. In der Nacht überkam ihn – um es ästhetisch verträglich zu umschreiben – heftige Übelkeit. Im Erbrochenen ist auch Blut. Statt ins Franziskus wird er im Waldfriede auf die Intensivstation verlegt. Herrn Egerts’ Patientenverfügung – „Keine Apparatemedizin“ und was man darin eben festlegen kann – muss ihre Tauglichkeit im Alltag eines Schwerst-Kranken jetzt erst noch beweisen. Er wird gefragt, ob er eine intensivmedizinische Behandlung wünsche – und bejaht.

 

So verbringt er also ein paar Tage auf der Intensivstation, zeitweise im künstlichen Koma. Zurück auf der Palliativstation muss er sich davon erst einmal erholen. Und wieder ist da ein Zwiespalt: Er versteht die Palliativärztin so, dass sie ihm Hoffnung mache, wieder nach Hause gehen zu können. Andererseits muss er erkennen, sich immer weniger ohne fremde Hilfe aufrecht auf den Beinen halten zu können. Mit Herrn Egerts’ Genehmigung spricht die Palliativärztin auf meine Bitte hin vertraulich mit mir. Ein solcher Vorfall wie in jener Nacht dürfe sich keinesfalls wiederholen. Das könnte sein Ende sein.  Als Journalist betrachte ich dies als höchst vertrauliche Hintergrund-Information. Herr Egerts fragt auch nicht nach.

 

Leben als Patient (2): Von kurativ zu palliativ.

 

     Ich gehe in meiner Schilderung ein paar Schritte zurück. Der Krebs zehrt den Körper auf, der Mensch muss den Verfall des eigenen Körpers ertragen. „Er ist ja nur noch ein Gerippe“, stellt Klaus Egerts’ Freund am Totenbett fest. Der Krebs hat neben dem Gewichtsverlust oft noch unerwartete Weiterungen im zerstörerischen Gepäck. Klaus Egerts lernt Krankenhäuser von innen kennen – zur Diagnostik und zur stationären Behandlung, kann aber sein Leben als Patient lange Zeit immer wieder zuhause fortsetzen und am Leben teilhaben. Im Emil-von-Behrung in Berlin Zehlendorf hatte ich ihn erstmals besucht und kennengelernt. Ein Wendepunkt auf seinem Leidensweg ist schließlich die Erklärung des Onkologen nach mehreren Behandlungen von schwerer Aszites, die Chemotherapie-Zyklen als beendet zu betrachten, auch weil eine aus anderen Gründen notwendige Antibiose im Zusammenspiel beider Therapien sehr schmerzhafte Folgen im Bauchraum zeitigt. Es ist der Übergang von der kurativen zur palliativen Behandlungsweise. Herr Egerts hat es verständlicherweise so empfunden: Man erklärt mich für austherapiert, mein Ende kommt näher. Das muss er erst einmal verkraften. Aber er lebt zu dem Zeitpinkt zuhause.

 

         Der an sich kleinere Eingriff im Krankenhaus Waldfriede gegen die  Aszites  stoppt – wie beschrieben – nicht das Fortschreiten der Krebs-Erkrankung. Der „assistierte Suizid“ wird ein Thema zwischen uns, wenngleich ich glaube, dass er dies nie wirklich ernsthaft als einen für ihn gangbaren Weg in Betracht gezogen hat. Das scheidet also aus. Er hat im Gegenteil noch Hoffnung auf Rückkehr in die Häuslichkeit. Dieser Wunsch nach Entlassung aus der Palliativstation nach Hause löst schließlich einen neuen psychologischen Konflikt aus.

 

Hospiz oder häusliche Pflege?

 

     Im Krankenhaus führen wir ein sehr schwieriges Gespräch. Ich darf seine Hoffnung auf Rückkehr in die Häuslichkeit nicht zerstören. Diese setze allerdings voraus, so mahnt ihn die Psychoonkologin, dass er an seiner Mobilisierung arbeite. Nun, Klaus Egerts ist eher ein Anhänger der These „Sport-ist-Mord!“. Er gehört als Technik-affiner Mensch eher zu jenen, die anderen stolz die Anzahl der vom iPhone an einem Tag gezählten Schritte nennen. Menschen, die ihr körperliches und seelisches Wohlbefinden mit täglich ungezählten Schritten fördern, begegnet er mit wohlwollendem Erstaunen, erachtet es für sich jedoch nicht als notwendig, es ihnen gleichzutun. Ich bin Zeuge, wie er der  Psychoonkologin von einem ihm gehörenden Gerät erzählt, auf das man die Beine stellen könne, worauf die Muskeln gestärkt würden. Er verträgt die Wahrheit, wie ich weiß, weshalb ich augenzwinkernd später sage: „Aber ohne wirkliche Bewegung kriegen Sie ihre atrophierten Muskeln nicht wieder auf Trapp.“ Schmunzelnd entgegnet er: „Sie müssen aber auch immer den wunden Punkt treffen.“ Wir sind in diesen 20 Monaten zweimal spazieren gewesen.

 

    Klaus Egerts will nicht ins Hospiz. Er will nach Hause, und sei es auch nur für eine kurze Zeit, das ist ihm bewusst. Zugleich zweifelt er,  ob er die wenigen Stufen zu seinem geliebten Computer-Arbeitsplatz im Keller wird bewältigen können.  „Hospiz wäre ja die letzte Station“, seufzt er und sträubt sich dagegen. Doch nach Hause?  Seine Frau bricht psychisch fast zusammen, weil sie ihm nicht eingestehen, ihm das schon gar nicht ins Gesicht sagen will, dass sie sich nicht in der Lage sehe, ihn zuhause zu pflegen. Er erfährt es natürlich trotzdem, weil es ein Gespräch der Eheleute mit der Mitarbeiterin des Hospizes im Waldfriede geben soll, zu dem die Ehefrau nur mit gutem Zureden zu bewegen ist. Besuche am Krankenbett fallen ihr ohnehin schwer. Sie könne diesen Anblick des Leidens nicht ertragen, sagt sie mir. „Wenn ich ins Krankenhaus gehe, mache ich dies und das in dem Zimmer, um nicht am Bett sitzen zu müssen.“ Er hingegen empfindet: „Wenn sie hier ist, verbreitet sie eine Unruhe…“  Die Angst seiner Frau vor der Pflege zuhause empfindet er als tief enttäuschende Zurückweisung, lese ich aus seinen Worten: „Ist nicht schön, zu hören, dass man zuhause nicht erwünscht ist“.

 

 Als Ratgeber mit Argumenten gegen Gefühle?

 

     Ich will ihm helfen, versuche also, gegen dieses Gefühl zu argumentieren: „Ich spreche aus eigener, schmerzlicher Erfahrung mit häuslicher Final-Pflege, wie das genannt wird“, beginne ich. „Ich halte eine Menge aus. Aber danach war ich an einem Tiefpunkt meiner Kräfte. Deshalb verstehe ich jeden, der sagt, er schaffe das nicht und deshalb für ein Hospiz plädiert. Zumal ‚Hospiz’ nach der Ausbildung und dieser ehrenamtlichen Arbeit in einer solchen Einrichtung für mich gänzlich jenen Horror verloren hat, den ich einst davor hatte. Und glauben Sie mir, ich sehe meine Rolle hier nicht darin, dem Wannsee-Hospiz Patienten zuführen zu müssen. Das ist nicht nötig.“  Ich versuche es ferner mit Verweis auf den Tod der gemeinsamen Tochter, die das seit nunmehr 40 Jahren verheiratete Paar hatte. Das Kind hat bis zu seinem Lebensende mit 23 Jahre einen fast lenebslangen Leidensweg gehen müssen, dessen Ursache keiner der vielen konsultierten Ärzte herausfinden konnte. „Ob Ihre Frau ein solches Finale eines Lebens ein zweites Mal durchstehen kann?“

 

     Ich gerate in die Rolle eines Ratgebers. Steht sie mir zu? Ich gewinne aus seinem Verhalten das Gefühl, ihm gerade jetzt eine emotionale Stütze zu sein, weil er die wirklich entscheidenden Dinge gerade mit mir erörtern kann, ohne dass es zu irgendwelchen Verwerfungen bei nahen Angehörigen führt. Ich weiß, dass ich ihm auch harte Fragen stellen darf. Die Hintergrund-Information der Palliativmedizinerin inm Waldfriede bedenkend, frage ich offen: „Was ist denn, wenn Ihnen das, weshalb Sie jetzt auf der Intensivstation im Koma gelegen haben, zuhause wieder passiert?“ Seine Antwort nuschelt er: „Wieder Notarzt, Krankenhaus, Chaos.“ Wieder! Mit den Tagen wächst die Einsicht.

 

„Woran merkt man denn, dass man stirbt?“

 

     Die Frage, wie jeder Mensch den Tod erleben werde und müsse, gehört zu den schwierigsten, die man als Sterbebegleiter beantworten soll. Klaus Egerts will von mir, wohl zunächst noch auf die ersten Anzeichen des nahenden Todes gemünzt, wissen, „woran man denn merkt, dass man stibt?“ Man kann erst einmal auf die Theorie verweisen. Nach der „Mutter“ der Hospiz-Idee, der 1926 in der Schweiz geborenen und 2004 in den USA gestorbenen  Elisabeth Kübler-Ross, gibt es fünf Phasen des Sterbens.
1. Nicht-Wahrhaben-Wollen;
2. Wut (auf die Krankheit und vieles mehr);
3. Verhandeln (mit allen, die helfen könnten);
4. Depression;
5. Akzeptanz (des Unvermeidlichen.)

     In der fünften Phase sehe ich Klaus Egerts noch nicht. Er kommt ihr aber anscheinend näher. Ganz offensichtlich stellt er sich, wenn auch anders formuliert, die alle Menschen bewegende, Ängste auslösende und deshalb zumeist verdrängte Frage, die er in seiner Situation nun nicht länger in seinem Unterbewusstsein verbannt halten kann: „Wie muss ich sterben?“ Mit Kübler-Ross kann man darauf schlechterdings nicht antworten. Ich ziele zunächst recht allgemein bleibend auf die ersten Anzeichen: „Ich denke, Menschen merken das auf unterschiedliche Weise, aber sie spüren es. Ich habe noch nicht so viele Sterbeprozesse miterlebt, als dass ich Ihnen eine empirisch halbwegs belegte Antwort geben könnte.“ In einem Hospiz ist es schon vorgekommen, dass ein Mann auf die Terrasse gegangen ist, um eine Zigarette zu rauchen, sich zurück in sein Bett legte und starb. Man könnte dazu makaber scherzen, und wir scherzen beide zum Glück viel, Humor am Krankenbett ist möglich und wichtig: „Steht ja auf jeder Packung Zigaretten – ‚Rauchen tötet!'“ Aber ernsthaft: Hat dieser Mann sein Ende gespürt und sich für einen letzten Lebensgenuss noch einmal aufgebäumt? Ich kann in den Gesprächen mit Klaus Egerts nicht immer eine präzise Antwort geben und manchmal ist es auch besser, im Ungefähren zu bleiben. Aber wie gesagt: Die Frage nach dem konkreten Verlauf des Lebensendes ist zutiefst mensclich. Schon einmal hat sie mir ein Herr, den ich begleitete, gestellt: „Wie ist es denn, wenn man stirbt?“ (Siehe auch auf meiner Website unter „Hospizarbeit konkret.

 

Als Sterbebegleiter sollte man eine Antwort finden.Wenn es aber keine auf alle Menschen zutreffende Replik gibt?! Dann ist es eben besser, sich damit zu befassen, wie Menschen sterben wollen. Ich berichte deshalb gern von einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung im Auftrag der Körber-Stiftung. Thema: „Wie wollen wir sterben?“ (Hervorhebung: ik) Ergebnisse sind: Die meisten Menschen wollen in gewohnter Umgebung im Kreise ihrer Angehörigen sterben. Viele fürchten zu ersticken. Das ist aber höchst selten der Fall. Und natürlich will die Mehrheit der Befragten keine Schmerzen ertragen müssen. Es gibt heute gute Möglichkeiten, das zu gewährleisten. Klaus Egerts wird sie kennenlernen (müssen).

 

Die letzten fünf Tage.

 

Tag 1. Sonntag: Sehr überraschend, nachdem nun auch seine Entscheidung für das Hospiz gefallen ist, erhält Klaus Egerts einen Platz im Diakonie-Hospiz-Wannsee. Ich kehre aus einem Kurzurlaub mit meiner Frau seinetwegen etwas vorzeitig zurück und besuche ihn dort sofort. Sein Zustand hat sich seit meinem letztem Beusch im Krankenhaus vor ein paar Tagen deutlich verschlechtert. Ich halte, wie es im Fachjargon heißt, „Sitzwache“, sechs Stunden lang. Schlaf- und halbwegs Wachphasen wechseln bei Herrn Egerts. „Sie wollen doch nach Hause“, sagt er irgendwann mit schwacher Stimme zu mir. Klaus Egerts ist ein so fürsorglicher, rücksichtsvoller Mensch, der meine Begleitung nie als etwas Selbstverständliches ansieht. “Nein, ich bleibe jetzt länger bei Ihnen, ich bin einfach da!“ Mal schläft er. Dann verlangt er plötzlich nach Wasser, Tee oder gar Cola, isst aber nichts mehr. Zeitweilig beobachte ich seinen Atemrhythmus. Mal sieben, mal zehn, aber auch mal 20 Sekunden zwischen den deutlichen hörbaren Atemzügen. Wir verabschieden uns mit kräftigem Händedruck, tauschen jedoch dabei keine besonderen Worte aus. Es sind eher unsichere Blicke. Er fragt allerdings am Ende jedes Besuchs: „Wann sehen wir uns wieder?“ Ich versprechen, morgen wiederzukommen. „Wie immer so gegen 14 Uhr?“
„Ja, gern!“ Sein Blick wirkt auf mich, als zweifle er, ob es dieses Morgen für ihn geben wird. Auch ich bin unsicher.

 

 Tag 2. Montag: Zustand etwas besser. Wir können miteinander reden. Manchmal japst er beim Sprechen längerer Sätze etwas nach Luft. Er drückt seine Dankbarkeit für meine Begleitung aus. Das ist es, was mich an dieser Arbeit motiviert, diese tiefe Dankbarkeit, die ich ernten darf. Ich hatte ihm schon im Krankenhaus versichert, dass ich ihm für diese gemeinsame Zeit sehr dankbar bin, dafür, dass ich diese spannenden Gespräche erleben durfte, dass ich viel von ihm gelernt habe, dass ich ihm vor allem sehr für das tiefe Vertrauen danke, das er mir geschenkt hat. Ich füge hinzu: „Wären wir uns unter anderen Umständen begegnet, wären wir sicher sehr gute Freunde geworden.“ Resignierend entgegnet er: „Ja. Das Leben lief anders“. Wir bleiben übrigens bis zum letzten Wortwechsel beim „Sie“, und das ist gut so.

 

 Tag 3. Dienstag: Es geht ihm besser. Wir führen ein sehr intensives, bewegendes Gespräch. Er wünscht sich eine so genannte „Palliative Sedierung„, bei der Patienten sehr starke Mittel bekommen, die man insbesondere bei „nicht stillbaren Schmerzen“ gibt. Der Palliativarzt ist im Haus, kommt herein. „Soll ich rausgehen?“, frage ich, was Klaus Egerts bejaht und mir im Hinausgehen zuruft: „Wir reden auch nicht schlecht über Sie!“ Der Arzt erklärt ihm, dass diese Sedierung einen gewissen Genehmigungs-Vorlauf habe, der 14 Tage dauern könne. Ich habe den Wahrheitsgehalt dieser Aussage nicht weiter recherchiert. Bevor ich wieder ins Zimmer gehe, stelle ich dem Mediziner die Frage aller Fragen: „Wie viel Zeit hat er noch?“ Ich verstehe, dass Ärzte solche Prognosen nicht geben können oder wollen, Vermutungen eher scheuen: „Vielleicht Tage, vielleicht drei Wochen.“ Nachdem ich aber, zurück im Zimmer, höre, was der Arzt Klaus Egerts auf seinen Wunsch hin entgegnet hat, vermute ich, dass er der Meinung ist, eine Art Palliative Sedierung könnte wegen sich plötzlich enorm verstärkender Schmerzen ohnehin notwendig werden. Ich spekuliere, ohne es auszusprechen, dass er Herrn Egerts’ Lebenserwartung äußerst gering einschätzt, dies aber dem Patienten, Gast, wie man im Hospiz sagt, nicht offenbaren will.

 

     Klaus Egerts und ich reden lange über das Sedierungs-Thema. „Wollen Sie das, weil es Ihnen nicht gelingen mag, vom Leben innerlich Abschied zu nehmen, loszulassen, Ihr womöglich sehr nahes Ende zu akzeptieren?“, frage ich ihn. „Oder Ist es die Sorge vor noch schlimmeren Schmerzen?“ Die Pumpe mit Schmerzen lindernden Mitteln hatte er schon im Krankenhaus Waldfriede bekommen. Sie gibt in bestimmten Abständen einen sirrenden Ton ab, wenn wieder etwas Wirkstoff durch den Port in die Vene gespritzt wird. In begrenztem Umfang kann er auch selbst „nachschießen“.  Er seufzt. „Es ist, weil das Leben so keine Perspektive mehr hat.“ Ich äußere Verständnis, antworte aber in klaren Worten, wie wir es miteinander glücklicherweise gewohnt sind: „Diese Palliative Sedierung wird sie nicht ins Jenseits befördern. Das ist kein ‚Assistierter Suizid‘!“ Später lese ich, dass die Zahl der in den Niederlanden erlaubten Assistierten Suizide drastisch zurückgegangen sei, weil man mehr und mehr Palliative Sedierungen vornehme, die das Eintreten des Todes jedoch nicht zwangsläufig beschleunigten, wohl eher selten. Meine Spekulation über Herrn Egerts‘ bevorstehendes, nahes Ende versuche ich in vorsichtiger Frageform vorzutragen. Ich druckse herum, ob es denn vielleicht sein könne, dass es dieser Sedierung gar nicht mehr bedürfe, der Arzt vielleicht mit seiner Bemerkung zum Procedere also nur Zeit gewinnen wolle?

 

Ich frage Herrn Egerts, ob ich über unsere Zeit miteinander auf meiner Website – selbstverständlich mit verändertem Namen – schreiben dürfe, was er deutlich bejaht. Dann gestehe ich ihm noch, dass ich ganz unsicher sei, wie ich mich heute verabschieden solle. „Sie sind müde. Wenn Sie jetzt einschlafen, könnten Sie ja auch entschlafen. Ich weiß auch nicht, ob ich Ihnen das vielleicht sogar wünschen sollte. Aber ganz sicher möchte ich Sie doch morgen gern wiedersehen. Ich sage deshalb wohl am besten einfach nur ‚Tschüss!'“ Ohne Zögern kommt sein „OK. Tschüss!“

 

    Tag 4. Mittwoch: Meine Spekulation war richtig. Klaus Egerts hat am Morgen sehr starke, der Pfleger sagt „unstillbare“ Schmerzen, weshalb er nun eine stark erhöhte Dosis Schmerzmittel bekomme. Er schläft viel, hat schon eine, wenn auch regelmäßige Schnappatmung. Das klingt sehr leidend und sieht auch so aus. Zeitweise ballt er seine linke Faust und legt sie auf sein linkes Schlüsselbein. Ich deute diesen so krampfhaft angewinkelten Arm als Angstgeste. Oder ob er sich mit dem vielen Morphin in einer Art Delirium befindet? Ich frage ihn, ob er Schmerzen habe und sehe ein kaum merkliches Kopfschütteln. Er nimmt mich also wahr. Nach diesen drei Stunden Sitzwache frage ich ihn, ob ich mich zurückziehen solle. Kaum merkliches Kopfnicken. „Ok, dann sage ich jetzt ‚tschüss!'“. Darauf vernehme ich – seine Stimme ist sehr schwach, aber deutlich hörbar – das einzige Wort, das ihm an diesem Tage offenbar noch möglich ist. Es wird sich herausstellen, dass es überhaupt sein letztes Wort zu mir sein wird: „Tschüss!“ Ich zweifle noch stärker als gestern, dass ich ihn morgen wiedersehen werde.

 

     Tag 5. Donnerstag: Ich wache auf und fühle Unruhe, erkundige mich telefonisch im Hospiz nach Klaus Egerts’ Befinden. Weiter verschlechtert, Schnappatmung, Atemaussetzer. Ich frage seine Frau, ob und gegebenenfalls wann sie – wieder zusammen mit seinem  Freund – ins Hospiz fahren wolle.  „Gegen 11 Uhr.“ OK. Ich habe also Zeit, gehe zu dem für Mitarbeiter und Ehrenamtliche des Hospizes obligatorischen Corona-Test, jogge in langsamem Tempo fast zwei Stunden, um mir Kraft zu holen für das, was kommen wird. Ich denke die ganze Zeit, wie überhaupt oft in den letzten Tagen, an Klaus  Egerts, hoffe, wie erwähnt, dass ich mein ihm gegebenes Versprechen einlösen kann, ihn bis zu seinem letzten Lebensmoment begleiten zu wollen. Hoffentlich komme ich nicht zu spät. Andererseits muss es ja auch nicht unbedingt sein. Manche Menschen sterben gerade dann, wenn während des Sterbeprozesses anwesende Angehörige eben mal kurz frische Luft schnappen wollen und den Raum verlassen.

 

          Gegen Mittag treffe ich im Hospiz ein. Zusammen mit Klaus Egerts‘ Freund erlebe ich die letzten knapp vier Stunden im Leben des Mannes, den ich seit fast 20 Monaten begleite. Die Ehefrau kann das Sterben ihres Mannes nicht ertragen, was ich nach ihrer hier teils beschriebenen Lebensgeschichte verstehe. Den letzten Kuss, das ist ihr klar, hat sie ihm heute gegeben. Sein Freund und ich sitzen etwas entfernt vom Bett. Immer wieder stehe ich auf, gehe nahe ans Bett heran, weil ich seinen Atem kaum noch zu hören meine. Ich nehme seine Hand und drücke sie, keine Reaktion mehr. Die Augen bleiben geschlossen. Wir setzen uns ein wenig auf der Terrasse vor dem Zimmer in die Sonne. Die Zeit vergeht. Es ist Nachmittag. Die Atemzüge  werden immer seltener und schwächer. Wieder stehe ich am Bett, nehme wieder Klaus Egerts’ schon ganz kalte Hand und bitte seinen Freund, die andere zu nehmen. „Ich glaube, jetzt geht er“, sagt dieser. Eine Schwester kommt herein. Ich gebe ihr ein Zeichen, das bedeuten soll „Bitte jetzt nicht.“ Sie geht wieder. Meine Hand berührt Klaus Egerts’ Bauchschlagader. Als er kaum noch atmet, spüre ich dort noch Puls, die Arme sind viel zu dünn dafür. Doch als der Atem versiegt, beendet kurz darauf auch das Herz seine fast zweiundsiebzig Jahre währende Arbeit. Sein Freund streicht ihm über den Kopf. „Mach’s gut, Klaus, Du warst ein guter Mensch, ein toller Freund. Ruh‘ Dich aus!“ Ich stelle erfreut fest, wie friedlich Klaus Egerts aus dem Leben gehen durfte. Seine kalte Hand noch einmal kräftig drückend flüstere ich mehrfach „Danke“ und wieder und wieder, als wolle ich nicht wahrhaben, dass ich mich für immer von Klaus Egerts verabschieden muss: „Tschüss!“ 

 


Über eine weitere Begleitung berichte ich auf der Biografie-Website des Berliner Foto-Journalisten Paul Glaser. Lesen Sie hier